Einführung des Verhaltensscanners in Berlin

Seit dem 6. Oktober beobachtet die Berliner Polizei mit rund 30 Kameras am Kottbusser Tor ein neuartiges System, das nicht nur aufzeichnet, sondern das Verhalten von Passanten in Echtzeit analysiert. Die Testphase ist bereits abgeschlossen, die Kalibrierung der Aufnahmewinkel und der Abdeckungsbereiche wurde erfolgreich durchgeführt. Ein rotes Licht an den Kamera‑Sträußen signalisiert, wann das System aktiv Daten sammelt.

Technischer Ablauf der automatisierten Verhaltensanalyse

Die eingesetzte Software erstellt für jede erfasste Person ein schematisches Strichmännchen, das deren Pose und Bewegungen als Vektoren in einem mathematischen Raum darstellt. Diese Daten werden anschließend mit umfangreichen Trainingssätzen abgeglichen, um Muster wie Schlagen, Treten oder Würgen zu erkennen. Zusätzlich wird das gesamte Bildmaterial ausgewertet, um den Kontext der Bewegung zu erfassen. Sobald die KI mit ausreichender Wahrscheinlichkeit ein potenziell polizeirelevantes Ereignis identifiziert, wird eine Alarmmeldung an die Videoleitstelle gesendet.

Polizeiliche Entscheidungsbefugnisse in der Leitstelle

In der Leitstelle entscheidet ein*e diensthabende Polizist*in, ob die Meldung weiterverfolgt wird. Optionen reichen von einer reinen Beobachtung bis hin zum sofortigen Aussenden einer Streife, die Ausweise kontrolliert oder Personen durchsucht. Der sogenannte „Automation Bias“ – die Tendenz, Computeralgorithmen zu vertrauen – kann dabei die menschliche Urteilsfähigkeit beeinflussen. Am Kottbusser Tor, das als Messer‑ und Waffenverbotszone gilt, ist die Polizei zudem befugt, anlassunabhängig Kontrollen durchzuführen, sodass ein Alarm nicht zwingend eine begangene Straftat voraussetzt.

Kritik, mögliche Folgen und politischer Ausblick

Gegner*innen warnen vor einer potenziell entwürdigenden Erfahrung für Betroffene, die ohne konkreten Anlass kontrolliert werden. Solche Eingriffe können traumatisierend wirken und eskalieren, wenn Polizeikräfte übermäßig Gewalt anwenden. In Mannheim, wo ähnliche Systeme bereits seit 2018 im Einsatz sind, existiert eine Liste von 15 Verhaltenskategorien, die die KI unterscheiden soll – ein Hinweis darauf, wie detailliert die Überwachung werden kann. Politisch ist das Projekt noch nicht abgeschlossen: Nach dem Probeechtbetrieb, der voraussichtlich bis 2028 läuft, soll eine Evaluation stattfinden, an der die zukünftige Koalition (Linke, Grüne, SPD) beteiligt ist. Während die SPD das System verteidigt, fordern die Linken ein Auslaufen, die Grünen halten ihre Position bislang zurückhaltend.

Der Einsatz von KI‑gestützter Videoüberwachung wirft grundlegende Fragen nach Datenschutz, Grundrechten und dem Verhältnis von Technologie zu staatlicher Macht auf. Beobachter*innen fordern mehr Transparenz, klare Rechtsgrundlagen und eine stärkere Kontrolle durch unabhängige Gremien, um Missbrauch zu verhindern.

Source: https://netzpolitik.org/2026/faq-was-man-zum-verhaltensscanner-in-berlin-wissen-sollte/

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