Einleitung
Kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt droht ein radikaler Einschnitt in die Medienlandschaft: Der rechtsgerichtete Landesverband der AfD hat angekündigt, die finanzielle Unterstützung für den freien Radiosender Corax zu beenden. Der Schritt ist Teil eines umfassenden Programms, das die Rundfunkstaatsverträge aufkündigen und damit die Rundfunkgebühren abschaffen will. Für das gemeinnützige Bürger:innenradio aus Halle bedeutet das nicht nur einen Geldverlust, sondern auch einen Angriff auf die Grundprinzipien von Meinungsvielfalt und Gegenöffentlichkeit.
Politischer Kontext
Umfragen deuten darauf hin, dass die AfD bei der kommenden Wahl mit über 40 % der Stimmen die stärkste Kraft werden könnte. In ihrem Wahlprogramm wird das Medienfeld als zentrales Transformationsfeld benannt. Dort wird explizit der Sender Corax genannt und die Absicht formuliert, die staatliche Förderung zu streichen. Experten bezweifeln, dass ein sofortiger Wegfall der Rundfunkgebühren rechtlich umsetzbar ist, doch die Gefahr einer schrittweisen Untergrabung der Finanzierungsstruktur ist real.
Corax – ein lebendiges Beispiel für Bürgerjournalismus
Seit mehr als 25 Jahren sendet Corax rund um die Uhr aus Halle an der Saale. Rund 400 Mitglieder produzieren ein vielfältiges Programm mit 175 Formaten, das von Musik über Kultur bis hin zu mehrsprachigen Projekten reicht. Fast alle Mitarbeitenden arbeiten ehrenamtlich, was das Projekt zu einem wichtigen Ort der Teilhabe für Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten macht. Die Sendelizenz ist bis 2035 gültig, und das Team wurde bereits für den „Panterpreis“ der taz nominiert.
Stimme aus dem Inneren: Johanna Fischer
Johanna Fischer, seit 2018 beim Sender aktiv und Koordinatorin des mehrsprachigen Projekts „Common Voices Radio“, spricht im Interview mit netzpolitik.org über die aktuelle Bedrohungslage. Sie betont, dass Corax bewusst im Widerspruch zu den völkischen Ideologien der AfD stehe und deshalb zum Ziel politischer Angriffe werde. Die Finanzierung über die Landesmedienanstalt, die etwa ein Drittel des Budgets ausmacht, sei zwar nicht sofort entziehbar, aber ein Regierungswechsel könnte die Zusammensetzung des Gremiums verändern und langfristig die Mittelvergabe beeinflussen.
Warum die Förderkampagne jetzt entscheidend ist
Angesichts der Möglichkeit einer AfD‑Alleinregierung sieht das Team von Corax die Notwendigkeit, eine stabile Grundfinanzierung zu sichern. Die aktuelle Kampagne ruft die Öffentlichkeit dazu auf, den Sender finanziell zu unterstützen, um die Unabhängigkeit zu wahren und die Gefahr eines radikalen gesellschaftlichen Umbaus abzuwehren. Fischer warnt, dass Sachsen‑Anhalt im Falle einer Regierungsübernahme zu einem Modell für tiefgreifende Veränderungen werden könnte – ein Szenario, das nicht nur lokale, sondern bundesweite Medienlandschaften beeinflussen würde.
Ausblick
Der Kampf um die Zukunft von Corax steht exemplarisch für die breitere Auseinandersetzung zwischen populistischer Politik und pluralistischer Medienkultur. Während die AfD versucht, die finanzielle Basis kritischer Stimmen zu schwächen, mobilisieren Bürger:innen, Aktivist:innen und Kulturakteur:innen Ressourcen, um die Vielfalt im öffentlichen Diskurs zu erhalten. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die solidarische Unterstützung aus der Zivilgesellschaft ausreicht, um den Sender vor einer möglichen Abschaltung zu bewahren.