Ein neuer Trend: KI‑basierte Trauerbots

In den letzten Monaten hat sich ein ungewöhnlicher Trend im Netz verbreitet: Künstliche Intelligenz erzeugt musikalische und visuelle Hommagen für Verstorbene. Diese sogenannten „deathslop“-Inhalte entstehen mit wenigen Klicks, sobald ein Nutzer ein Prompt in ein Bild‑ oder Video‑Generator‑Tool eingibt. Das Ergebnis ist oft ein schriller Mix aus Pop‑Kultur, Meme‑Ästhetik und respektlosem Umgang mit dem Andenken von Prominenten.

Run Jolene – ein viraler KI‑Song

Ein besonders auffälliges Beispiel ist das fünfminütige Stück Run Jolene. Der Track, der im Stil klassischer Country‑Balladen produziert wurde, lässt Dolly Parton in einem glitzernden Anzug über die Wolken jagen, während eine fiktive Rivalin namens Jolene versucht zu entkommen. Das Video kombiniert KI‑generierte Bilder von Parton, Michael Jackson, Whitney Houston und sogar lebenden Persönlichkeiten wie Cher. Trotz kritischer Stimmen hat das Video über eine Million Aufrufe auf TikTok erzielt und löste begeisterte Kommentare aus, die die Kreativität loben, ohne die ethischen Implikationen zu hinterfragen.

Die dunkle Seite des „deathslop“

Für die Familien der Verstorbenen ist das Phänomen jedoch ein Schock. Stella Parton, die Schwester von Dolly, bat ihre Follower eindringlich, das „Fake‑AI‑Garbage“ zu stoppen. Ähnliche Proteste kamen von Angehörigen anderer Prominenter, deren digitale Abbilder in absurden Szenarien auftauchten – von einem Tee‑Date mit den „Golden Girls“ bis hin zu einem fiktiven Nachbarschaftstreffen mit Charlie Kirk und George Floyd. Die schnelle Verbreitung solcher Inhalte reduziert das Lebenswerk der Betroffenen auf oberflächliche Click‑Bait‑Produktionen und kann tiefes Leid hervorrufen.

Rechtliche Grauzonen und technologische Verantwortung

Die rechtliche Lage ist bislang unklar. Während OpenAIs Bildgenerator Sora im April wegen kontroverser Inhalte eingestellt wurde, gibt es kaum Präzedenzfälle, die klären, ob Unternehmen für von Nutzern erstellte, potenziell diffamierende Darstellungen haftbar gemacht werden können. Verstorbene Personen genießen keinen Schutz vor Verleumdung, sodass die Verantwortung für missbräuchliche KI‑Erzeugnisse weitgehend bei den Erstellern liegt. Experten wie Jack Manning von der University of Colorado Boulder warnen, dass künftig digitale Avatare in Testamenten verankert werden könnten – ein Szenario, das ethische und juristische Fragen aufwirft.

Auswirkungen auf das Trauerverhalten

Psychologen befürchten, dass die Verfügbarkeit von KI‑Bots, die angeblich mit Verstorbenen „sprechen“, das Trauererlebnis weiter isolieren könnte. Anstatt menschliche Unterstützung zu suchen, könnten Betroffene versucht sein, sich in künstliche Dialoge zu flüchten, die keine echte emotionale Verarbeitung ermöglichen. Die digitale Nachwelt wird damit zu einem Ort, an dem Erinnerungen schnell zu konsumierbaren Memes degradiert werden, anstatt als Raum für respektvolle Reflexion zu dienen.

Source: https://www.theguardian.com/technology/2026/sep/15/ai-grief-bot-death-isolation