Einleitung
Die öffentliche Debatte um die Schicksale der Schauspielerin Collien Fernandes hat das Thema digitale Gewalt plötzlich in den Fokus von Politik, Medien und Alltag gerückt. Was einst ein Randthema war, ist heute ein zentraler Bestandteil von Diskussionen über geschlechtsspezifische Ungleichheiten im Netz. Sieben Fachpersonen, die seit Jahren in Beratung, Forschung oder Gesetzgebung tätig sind, geben in diesem Beitrag einen Überblick über ihre Sichtweisen und klären, warum das reine Strafrecht nicht ausreicht.
Gemeinsame Kernforderungen
Alle Befragten betonen, dass digitale Gewalt kein isoliertes Phänomen, sondern ein Teil eines umfassenderen, patriarchalen Machtgefüges ist. Deshalb fordern sie ein vernetztes Hilfesystem, das neben strafrechtlichen Maßnahmen Prävention, Plattform‑Regulierung und nachhaltige Opferunterstützung umfasst. Die Experten warnen zugleich vor Überwachungs‑ und Klarnamen‑Pflichten, die die Grundrechte der Betroffenen weiter aushöhlen könnten.
Elizabeth Ávila González – Juristin & Menschenrechtsexpertin
Als Referentin beim Bundesverband der Frauenberatungsstellen (bff) bezeichnet González digitale Gewalt als „reale Gewalt“. Sie fordert flächendeckende Finanzierung von Beratungsstellen im Rahmen des Gewalthilfegesetzes und ein Gesamtkonzept, das Strafrecht, Prävention und Plattform‑Kontrolle systematisch verknüpft. Eine pauschale Klarnamen‑pflicht lehnt sie ab, weil Anonymität für many Opfer ein wesentlicher Schutz ist.
Ophélie Ivombo – Informatikerin & Medienpädagogin
Ivombo arbeitet in Frauenhäusern und weist auf die Gefahr von Online‑Ortung und Stalking hin. Ihr aktueller Bericht nennt gravierende Lücken im Hilfesystem und ruft dazu auf, digitale Beratungskompetenzen stärker zu verankern. Sie sieht in der schulischen und außerschulischen Medienbildung eine wichtige Präventions‑Stelle.
Michaela Burkard – Spezialistin für Plattform‑Regulierung
Burkard argumentiert, dass soziale Netzwerke klare Verantwortung übernehmen müssen. Sie plädiert für transparente Moderationsrichtlinien und ein Beschwerde‑Management, das Opfer schnell und wirksam unterstützt, ohne deren Anonymität zu gefährden.
Sandra Boger – Aktivistin & Projektleiterin
Boger legt den Fokus auf Selbsthilfe‑Tools und digitale Sicherheits‑Apps. Sie warnt vor der Gefahr, dass technische Lösungen allein die strukturelle Gewalt nicht beseitigen können, und fordert daher ein ganzheitliches Konzept, das rechtliche, soziale und technologische Aspekte verbindet.
Jasmin Köhler – Psychologin & Traumatherapeutin
Köhler betont die psychischen Folgen digitaler Aggressionen. Sie ruft nach niedrigschwelligen Therapieangeboten, die speziell auf Online‑Erfahrungen abgestimmt sind, und nach einer stärkeren Verknüpfung von Online‑Beratung mit stationärer Betreuung.
Lea Schmidt – Forscherin für digitale Ethik
Schmidt analysiert, wie Algorithmen Geschlechter‑Stereotype verstärken. Sie fordert mehr Transparenz bei KI‑Entscheidungen und ein ethisches Rahmenwerk, das Missbrauchspotenziale von automatisierten Systemen frühzeitig erkennt.
Thomas Meier – Rechtsanwalt & Strafrechtsexperte
Meier erklärt, dass das aktuelle Strafrecht häufig zu unflexibel ist, um schnell auf neue Formen von Online‑Gewalt zu reagieren. Er plädiert für klar definierte Straftatbestände und spezialisierte Strafverfolgungseinheiten, die eng mit Beratungsstellen zusammenarbeiten.
Ein Ausblick
Die sieben Stimmen zeigen, dass ein ausschließlich strafrechtlicher Ansatz hinter die vielschichtige Realität digitaler Gewalt zurückbleibt. Nur ein integriertes System, das rechtliche, technische, psychologische und bildungspolitische Maßnahmen kombiniert, kann wirksam Schutz bieten und langfristig gesellschaftliche Machtverhältnisse verändern.
Source: https://netzpolitik.org/2026/strafrecht-allein-reicht-nicht-sieben-koepfe-gegen-digitale-gewalt/