Sieben Expert*innen stellen sich vor
Die öffentlichen Diskussionen um die Erfahrungen der Schauspielerin Collien Fernandes haben das Thema digitale Gewalt aus der Nische in die Breite gezogen. Sieben Fachleute, die seit Jahren in Beratung, Forschung und Rechtstätigkeit aktiv sind, bündeln nun ihre Erkenntnisse und fordern ein umfassendes Handlungsgerüst. Ihre Botschaft ist klar: Strafrecht allein reicht nicht, das Hilfesystem muss grundlegend neu ausgerichtet werden.
Elizabeth Ávila González – Juristin und Menschenrechtsaktivistin
Als Referentin beim Bundesverband der Frauenberatungsstellen (bff) betont González, dass digitale Gewalt keinerlei neues Phänomen sei, sondern lediglich eine technologische Ausweitung patriarchaler Machtstrukturen. Sie fordert den konsequenten Ausbau des Hilfesystems im Rahmen des Gewalthilfegesetzes, flächendeckende Finanzierung von Beratungsstellen und eine enge Verzahnung von Strafrecht, Prävention, Plattformregulierung und Opferschutz. Gleichzeitig warnt sie vor einer umfassenden Klarnamenpflicht und pauschalen Überwachungsmaßnahmen, die die Grundrechte gefährden würden.
Ophélie Ivombo – Medienpädagogin und Koordinatorin für digitale Partnerschaftsgewalt
Ivombo kommt aus der Informatik und arbeitet seit 2022 im Frauenhauskoordinierung e.V. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Analyse von Ortungs- und Überwachungstechnologien in Liebesbeziehungen. Sie weist darauf hin, dass das aktuelle Hilfesystem Lücken aufweist, die besonders bei Ex‑Partner‑Gewalt ausgenutzt werden. Ihr jüngster Bericht „Digitale (Ex‑)Partnerschaftsgewalt: gefährliche Schutzlücken im Hilfesystem schließen“ fordert gezielte Schulungen für Fachkräfte und ein starkes Netzwerk von Anlaufstellen, das digitale Beratung genauso anbietet wie physische Notunterkünfte.
Michaela Burkard – Sozialarbeiterin und Projektleiterin für Prävention
Burkard arbeitet seit über einem Jahrzehnt in der Frauenberatung und leitet ein Präventionsprojekt, das Jugendliche frühzeitig für das Thema sensibilisieren soll. Sie kritisiert, dass die Debatte zu sehr auf Einzelfälle fokussiert sei und zu wenig strukturelle Analysen biete. Ihr Ansatz kombiniert schulische Aufklärungsprogramme mit praxisnahen Workshops, in denen Betroffene lernen, ihre Online-Profile zu sichern und digitale Spuren zu verwalten.
Sandra Boger – Rechtswissenschaftlerin und Plattformexpertin
Boger untersucht, wie soziale Netzwerke und Messaging‑Dienste mit ihrer Algorithmen‑ und Inhaltsmoderation zur Verstärkung von Gewalt beitragen. Sie fordert verbindliche Transparenzberichte, klare Meldewege für Opfer und die Einführung unabhängiger Aufsichtsstellen, die Verstöße zeitnah prüfen und Sanktionen verhängen.
Weitere Stimmen – vielfältige Perspektiven
Die restlichen vier Expert*innen kommen aus den Bereichen Psychologie, Digital Rights Advocacy, Politikwissenschaft und technischer Sicherheit. Gemeinsam betonen sie, dass Anonymität für viele Opfer ein essenzielles Schutzinstrument bleibt und dass jede Maßnahme, die diese Anonymität gefährdet – etwa durch verpflichtende Klarnamen‑ oder Chat‑Kontrollen – das Risiko von Rückzugs‑ und Eskalationsformen erhöht.
Was muss geschehen?
Alle sieben Expert*innen nennen drei zentrale Handlungsfelder: Erstens, ein ganzheitlicher Rechtsansatz, der digitale Delikte nicht isoliert, sondern als Teil eines breiten Gewaltgefüges begreift. Zweitens, ein robustes Hilfesystem, das finanzielle und personelle Ressourcen bereitstellt, um digitale Beratung, Sofortschutz und langfristige Nachsorge zu gewährleisten. Drittens, ein präventiver Rahmen, der Bildung, technische Sicherheitsstandards und klare Plattformverantwortungen integriert. Nur wenn diese Bausteine gemeinsam funktionieren, könne die Gesellschaft digitale Gewalt wirksam eindämmen.
Source: https://netzpolitik.org/2026/strafrecht-allein-reicht-nicht-sieben-koepfe-gegen-digitale-gewalt/