Ein überraschendes Selbstexperiment
Unter dem Deckmantel der Datenschutz‑Grundverordnung (DSGVO) haben die Softwareentwickler Gregor Ziegltrum und Dennis Schulz ein ambitioniertes Projekt gestartet: Sie forderten über einhundert Firmen – von Social‑Media‑Giganten bis zu Banken – auf, sämtliche personenbezogenen Informationen preiszugeben. Das Ziel war simpel, aber ambitioniert: Das eigene digitale Leben anhand der von Unternehmen gesammelten Daten zu rekonstruieren.
Der Anstoß zur Datenoffenlegung
Beide Entwickler arbeiteten unabhängig voneinander an Analysen von Spotify‑Daten. Die Idee, das Konzept zu erweitern und sämtliche Datenquellen zu bündeln, entstand fast gleichzeitig. Sie wollten herausfinden, welche Spuren Unternehmen tatsächlich über sie hinterlassen und ob die DSGVO‑Rechte praktisch einsetzbar sind.
Der Weg zu den Daten
Die Anfragen wurden per E‑Mail an die jeweiligen Datenschutz‑Teams geschickt. Dabei stießen die beiden auf ein wiederkehrendes Hindernis: Die korrekte Kontaktadresse zu ermitteln, war oft mühsam. Trotzdem reagierten die meisten Unternehmen kooperativ und stellten komplette Datensätze bereit – häufig mehrere tausend Dateien pro Anfrage.
Von Meta bis zur Rentenversicherung
Zu den befragten Unternehmen gehörten Plattformen wie Meta, Spotify, LinkedIn, Reddit, sämtliche Google‑Dienste, Taxi‑Apps wie Uber, Bolt und FreeNow, aber auch Banken, Krankenkassen und sogar das Bundeskriminalamt. Einige kleinere Apps, etwa ein Jogging‑Tracker namens „Trait“, wurden ebenfalls kontaktiert – dort war einer der beiden der allererste Anfragende.
Unerwartete Erkenntnisse
Die Auswertung der erhaltenen Daten offenbarte überraschende Details. Schulz entdeckte, dass seine Krankenkassendaten einen Nasenbeinbruch verzeichneten, den er nie erlitten hatte. In den TikTok‑Logs stand, wie viele Videos er bis zum Ende geschaut hatte – ein Beweis dafür, dass er die App bereits gelöscht hatte. Ziegltrum fand heraus, dass Unternehmen häufig versuchen, Nutzer durch Warnhinweise von einem vollständigen Datensatz abzuhalten, indem sie auf vermeintlich unnütze Log‑Daten verweisen.
Tipps für Nachahmer
Beide geben klare Ratschläge für Interessierte: Die Anfrage muss präzise formuliert sein, die richtige E‑Mail‑Adresse muss recherchiert werden, und man sollte nicht von den vorgeschlagenen „kleinen Datensätzen“ ablenken lassen. Ein vollständiger Export ermöglicht tiefere Analysen, etwa die Nachverfolgung von Interessenwechseln über Social‑Media‑Plattformen oder die Rekonstruktion des Tagesablaufs anhand verschiedener Quellen.
Fazit und Ausblick
Das Projekt zeigt, dass die DSGVO nicht nur ein rechtliches Instrument, sondern ein praktisches Werkzeug zur Selbstbestimmung im digitalen Zeitalter ist. Die beiden Entwickler demonstrieren, dass es möglich ist, das eigene digitale Ich zu visualisieren, Schwachstellen in der Datenverarbeitung aufzudecken und Unternehmen zur Transparenz zu zwingen. Wer neugierig ist, kann das Experiment nachahmen und so ein besseres Verständnis für die eigene Datenlage erlangen.
Source: https://netzpolitik.org/2026/interview-lasst-euch-nicht-mit-dem-ersten-datensatz-abspeisen/