Ein Selbstexperiment, das die DSGVO in die Praxis bringt
Als die beiden Softwareentwickler Gregor Ziegltrum und Dennis Schulz beschlossen, ihr digitales Ich zu entlarven, nutzten sie das Recht, das die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) jedem Bürger einräumt: Die Auskunft über sämtliche personenbezogenen Daten, die Unternehmen über einen speichern. In einem aufwändigen Projekt stellten sie über hundert Anfragen an Unternehmen aus den Bereichen Social Media, Finanzwesen, Gesundheit und Mobilität. Das Ergebnis: Mehr als 6.000 Dateien, die ein überraschend detailliertes Bild ihres Alltags lieferten.
Von der Idee zum Datenraub
Die Motivation entstand aus einer gemeinsamen Beschäftigung mit Spotify‑Statistiken. Während Dennis bereits einen Vortrag über seine Musikhörgewohnheiten vorbereitet hatte, fragte sich das Duo, wie weit man das Konzept ausdehnen könnte. Das Ergebnis war ein umfassender Daten‑Schnappschuss, den sie später auf dem internen Kongress von TNG Technology Consulting und bei den Datenspuren 2026 präsentierten.
Welche Unternehmen wurden angefragt?
Die Liste der Adressaten war breit gefächert. Neben den Giganten Meta, Google (YouTube, Gmail, Maps), Spotify, LinkedIn und Reddit wurden auch Taxi‑Apps wie Uber, Bolt und FreeNow, Banken, Krankenkassen, die Deutsche Rentenversicherung und sogar das Bundeskriminalamt kontaktiert. Kleinere Dienste wie die Jogging‑App „Trait“ standen ebenfalls im Fokus. Insgesamt erreichten die Anfragen fast 150 Stellen, wobei manche Unternehmen von beiden Entwicklern kontaktiert wurden.
Der Weg zu den Daten – einfacher als gedacht?
Entgegen mancher Befürchtungen verlief die Beschaffung der Daten überraschend reibungslos. Die meisten Unternehmen reagierten kooperativ und stellten die angeforderten Informationen zur Verfügung. Die eigentliche Hürde lag jedoch im administrativen Aufwand: Für jede Anfrage musste die korrekte E‑Mail‑Adresse oder das passende Service‑Portal eruiert werden. Zudem versuchten manche Anbieter, Nutzer durch Warnhinweise von einem „kompletten Datensatz“ abzuhalten, indem sie auf vermeintlich unnütze Log‑Daten verwiesen.
Was die Daten verrieten
Die Auswertungen lieferten einige verblüffende Erkenntnisse. Dennis entdeckte, dass sein Konto bei TikTok verzeichnete, wie viele Videos er tatsächlich bis zum Ende geschaut hatte – ein Befund, der ihn dazu veranlasste, die App endgültig zu löschen. In den Unterlagen seiner Krankenkasse fand er einen Eintrag über einen Nasenbeinbruch, den er nie erlitten hatte, was Fragen nach fehlerhaften Datenaufzeichnungen aufwarf. Gregor bemerkte, dass selbst Passwörter und Login‑Zeitpunkte in den bereitgestellten Dumps auftauchten, was die Sensibilität der gespeicherten Informationen unterstreicht.
Tipps für Nachahmer
Für alle, die das Experiment selbst wiederholen wollen, geben die beiden Entwickler klare Ratschläge: 1) Dokumentiere jede Anfrage sorgfältig, inklusive Datum, Empfänger und Referenznummer. 2) Nutze die offizielle DSGVO‑Formularfunktion, wenn sie von der Firma angeboten wird, um Verzögerungen zu vermeiden. 3) Sei bereit, mehrere E‑Mails zu schreiben, bis du die richtige Anlaufstelle gefunden hast. 4) Achte darauf, dass du den „kompletten Datensatz“ anforderst, um nicht nur eine Auswahl, sondern das gesamte Datenvolumen zu erhalten.
Fazit: Mehr Transparenz, mehr Verantwortung
Das Projekt von Ziegltrum und Schulz zeigt eindrucksvoll, dass die DSGVO nicht nur ein juristisches Konstrukt, sondern ein praktisches Werkzeug ist, um die eigene digitale Identität zu verstehen. Die gesammelten Daten ermöglichen nicht nur Rückschlüsse auf das persönliche Nutzungsverhalten, sondern werfen auch ein Licht auf mögliche Fehlerquellen in Unternehmensdatenbanken. Wer seine Daten kennt, kann besser entscheiden, welche Dienste er weiterhin nutzt und wo er Nachbesserungen fordert.
Source: https://netzpolitik.org/2026/interview-lasst-euch-nicht-mit-dem-ersten-datensatz-abspeisen/