Ein abruptes Ende der digitalen Infrastruktur
Als die US-Regierung das italienische Aktivistennetzwerk Autistici/Inventati plötzlich als terroristisch unterstützend einstufte, folgte ein Kaskadeneffekt, der das gesamte Ökosystem des Kollektivs zum Erliegen brachte. Innerhalb weniger Stunden wurden PayPal‑Konten gesperrt, die Domain autistici.org vom Public Interest Registry in Virginia offline genommen und schließlich das Konto bei der italienischen Banca Etica geschlossen. Was ursprünglich als Frist bis zum 25. September angekündigt war, verwandelte sich in ein Kampf‑um‑die‑Stunden‑Szenario.
Die pauschalen Vorwürfe der US‑Regierung
Die Behörde behauptet, das Kollektiv habe linksextremistischen Gruppen digitale Infrastruktur bereitgestellt und damit Terroranschläge in mehreren europäischen Ländern ermöglicht. Selbst Aktionen wie das Stören eines Grenzbehörden‑Hubschraubers in Portland mit einem Laserpointer wurden in die offizielle Begründung aufgenommen. Die US‑Behörden bezeichnen Autistici/Inventati als „zentrales Knoten‑ und Koordinationszentrum einer transnationalen, gewalttätigen und kriminellen Linksextremisten‑Netzwerkstruktur“.
Rechtliche Grauzonen und fehlende Verfahren
Im europäischen Kontext wäre ein solcher Eingriff an klare rechtliche Vorgaben gebunden: konkrete Anordnung, Verhältnismäßigkeit und ein Recht auf Rechtsbehelf. Francesca Bria, Expertin für digitale Souveränität, betont, dass bislang weder ein Gerichtsurteil noch eine offizielle Anordnung vorliegt. Stattdessen scheinen politische Motive die Maßnahme zu bestimmen – ein beunruhigender Präzedenzfall für die globale Zivilgesellschaft.
Resilienz versus Machtmissbrauch
Seit seiner Gründung hat das Kollektiv immer wieder staatliche Angriffe überstanden, dank kluger Selbstorganisation und solidarischer Netzwerke. Doch die Kombination aus US‑Sanktionen, internationalen Finanzblockaden und der Bereitschaft lokaler Institutionen, sekundäre Strafen zu vermeiden, stellt die Widerstandsfähigkeit an ihre Grenzen. Juristen warnen, dass solche Praktiken die digitale Grundrechte‑Agenda nachhaltig schwächen könnten.
Ausblick: Wer ist das nächste Ziel?
Die aktuelle Welle von Solidaritätsaufrufen wirft die Frage auf, welche weiteren Organisationen künftig im Visier der USA stehen könnten. Während einige Plattformen bereits ihre Unterstützung zurückziehen, mobilisieren Menschenrechte‑Aktivisten und digitale Freiheitskämpfer Ressourcen, um die Infrastruktur von Autistici/Inventati zu erhalten und alternative Finanzierungswege zu schaffen. Die Debatte um digitale Souveränität, transnationale Rechtsdurchsetzung und die Gefahr von Willkürmaßnahmen bleibt offen.
Source: https://netzpolitik.org/2026/autistici-inventati-pauschaler-terrorvorwurf/