Ein dramatisches Ereignis in den Himalaya
Am 26. August erschütterte ein plötzliches Hochwasser das Grenzgebiet zwischen Nepal und Tibet. Die Ursache war kein Erdbeben, sondern ein massiver Gletscherabbruch, der eine Kette von Prozessen in Gang setzte, die innerhalb von Minuten zu einer verheerenden Flutwelle führten.
Der Ursprung: ein Gletscherbruch in 5.200 Metern Höhe
Satellitenaufnahmen, die von dem Geomorphologen Dan Shugar von der University of Calgary ausgewertet wurden, zeigen, dass das untere Segment eines Gletschers auf rund 5.200 Metern über dem Meeresspiegel abbrach. Ein etwa 0,2 km² großes Eis‑ und Felsfeld stürzte etwa 1.200 Meter nach unten und nahm dabei große Mengen Gestein und Sediment mit.
Schmelzwasser als zusätzlicher Faktor
In den 24 Stunden vor dem Ereignis war ein erheblicher Teil des Schnees auf den Gletschern geschmolzen. Shugar erklärt, dass die Gletscher, die noch von Schnee bedeckt waren, am Tag vor dem Vorfall bereits fast vollständig frei von Eis waren – ein Hinweis auf ungewöhnlich warme Bedingungen, obwohl offizielle Wetterdaten bislang fehlen.
Die Entstehung einer temporären Damm
Die Lawine aus Eis, Felsbrocken und Schutt fiel in die Lhende Khola, einen Nebenfluss der Bhote Koshi, die wiederum zum Oberlauf des Trishuli‑Flusses gehört. Das herabstürzende Material blockierte den Fluss kurzfristig und bildete einen natürlichen Damm. Hinter diesem Damm sammelte sich Wasser, das schließlich die Schwelle überwand und mit enormer Kraft nach unten schoss.
Die Flutwelle: rasante Wasserstände
Messungen des nepalesischen Hydrologie‑ und Meteorologiedepartements belegen, dass der Wasserstand bei Galchhi innerhalb von nur dreißig Minuten um neun Meter anstieg. Weiter flussabwärts, bei Malekhu, wurden sieben Meter Anstieg registriert. Bemerkenswert ist, dass keine schwere Regenlage die Flut ausgelöst hat – das Wasser stammt fast ausschließlich aus dem plötzlich entstandenen Stausee hinter dem Damm.
Wissenschaftliche Fragen und mögliche Erklärungen
Obwohl das Gletschermaterial selbst nicht genug Wasser liefert, um solch massive Fluten zu erzeugen, vermuten Glaziologen wie Andrew Mackintosh, dass das Zusammenspiel von Schmelzwasser, Schutt und Sediment eine Kaskade auslöste, die das Volumen des Abflusses exponentiell vergrößerte. Eine weitere Hypothese ist, dass ein bereits existierender Gletschersee in das Damm‑System einbezogen wurde, was das gespeicherte Wasser weiter vergrößerte.
Der mögliche Einfluss des Klimawandels
Obwohl ein direkter Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und diesem spezifischen Ereignis nicht eindeutig nachgewiesen ist, deuten die ungewöhnlich warmen Bedingungen und das schnelle Abschmelzen des Schnees auf langfristige Veränderungen im Hochgebirgs‑Klimasystem hin. Wissenschaftler betonen, dass steigende Temperaturen die Stabilität von Gletschern weltweit gefährden und das Risiko ähnlicher Katastrophen erhöhen könnten.