Ein privates Unternehmen übernimmt die Berliner Videoüberwachung

Die Berliner Polizei hat kürzlich bekanntgegeben, dass die IT‑Holding Adesso SE den Auftrag erhalten hat, ein flächendeckendes System zur automatisierten Verhaltensanalyse im öffentlichen Raum zu installieren. Damit wird erstmals ein rein privatwirtschaftlicher Akteur für den Produktivbetrieb einer solchen Infrastruktur in Deutschland verantwortlich sein. Das Vorhaben ist Teil eines neuen Polizeigesetzes, das Ende 2025 verabschiedet wurde und die Nutzung kommerzieller Überwachungstechnologien ausdrücklich erlaubt.

Der Auftrag und seine finanziellen Rahmenbedingungen

Im Innenausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses wurde am 1. Juni von Oliver Türpe, einem Sprecher der Polizei, berichtet, dass die Ausschreibung ein Budget von vier Millionen Euro vorsieht. Der Zuschlag ging an Adesso SE, ein international tätiges Unternehmen mit Hauptsitz in Dortmund. Obwohl die Polizei zunächst den Namen des Gewinners verschweigen wollte, bestätigte sie nach Rückfrage, dass Adesso den Vertrag erhalten hat. Das Unternehmen darf dabei Hard‑ und Software von anderen europäischen Anbietern beziehen, solange diese in der EU ansässig sind.

Technische Umsetzung: KI‑Systeme von Staige

Adesso arbeitet eng mit dem Video‑KI‑Start‑up Staige zusammen, an dem es selbst Anteile hält. Staige hat bereits über 1.400 Systeme in Nahverkehrs‑ und öffentlichen Räumen installiert. Die Software erkennt in Echtzeit Bewegungsmuster, identifiziert Schläge, Tritte oder andere Aktionen, die auf körperliche Auseinandersetzungen hindeuten, und kann Personen über mehrere Kameras hinweg verfolgen. Laut Unternehmensbeschreibung erzeugt die KI ein kontinuierliches Lagebild und alarmiert das Sicherheitspersonal, sobald vordefinierte Regeln verletzt werden.

Datenschutz, Sicherheitslücken und öffentliche Kritik

Die Einführung einer flächendeckenden, KI‑gestützten Videoüberwachung wirft erhebliche Fragen zum Schutz personenbezogener Daten auf. Das neue Berliner Polizeigesetz erlaubt das Training von Algorithmen mit den gesammelten Bilddaten, was Datenschützer alarmiert. Zusätzlich ist Adesso SE bereits durch ein gravierendes Datenleck zwischen 2022 und 2023 in die Kritik geraten, bei dem Angreifer manipulierte Komponenten in das IT‑System einschleusten und weitreichenden Zugriff erlangten. Diese Vorgeschichte verstärkt die Bedenken von Bürgerrechtsorganisationen, die vor einer unkontrollierten Ausweitung von Überwachungstechnologien warnen.

Die Debatte um die Balance zwischen öffentlicher Sicherheit und individueller Freiheit bleibt offen. Während Befürworter argumentieren, dass die Technologie Kriminalität wirksam reduzieren könne, betonen Kritiker die Gefahr von Fehlinterpretationen, Profilbildung und einem dauerhaften Überwachungsstaat. Die kommenden Monate werden zeigen, wie Berlin mit diesen Spannungsfeldern umgeht und ob weitere Städte dem Beispiel folgen.

Source: https://netzpolitik.org/2026/videoueberwachung-in-berlin-adesso-se-baut-verhaltensscanner-fuer-die-polizei/

Related Articles