Einführung: Ein Weckruf von Karen Hao
Auf der diesjährigen re:publica in Berlin stellte die renommierte KI‑Journalistin Karen Hao eine provokante Frage: Warum reproduziert die Europäische Union den riskanten Wachstums‑ und Kopiermodus der USA, anstatt eigene, nachhaltige Pfade zu beschreiten? Hao, Autorin des Buches Empire of AI, nutzt ihre Eröffnungsrede, um die unkritische Nachahmung großer Tech‑Giganten wie OpenAI, Google und Microsoft anzuprangern. Sie warnt eindringlich, dass ein blinder Nachahmungskurs die hart erkämpften europäischen Daten‑ und Datenschutzstandards aushöhlt und die Abhängigkeit von transatlantischen KI‑Imperien vertieft.
Der „Scale‑At‑All‑Costs“-Fehler
Hao beschreibt das zentrale Problem großer KI‑Konsortien als ein Geschäftsmodell, das Wachstum um jeden Preis priorisiert. Milliarden an Petabytes an Daten werden häufig ohne Einverständnis der Urheber*innen gesammelt, während riesige Rechenzentren massive Energie‑ und Wasserressourcen verzehren. In ihren Recherchen, unter anderem bei Datenarbeiter*innen in Kenia und den USA, deckte sie auf, dass die CO₂‑Emissionen seit 2020 um 150 % gestiegen sind – ein Paradoxon, weil dieselben Unternehmen 2030 Klimaneutralität versprechen.
Ressourcenverbrauch und ethische Grauzonen
Die immensen Hardware‑Fabriken benötigen seltene Erden, während die daraus resultierende Daten‑Arbeitskraft häufig unter prekären Bedingungen arbeitet. Proteste gegen neue Rechenzentren in Chile und Spanien illustrieren die wachsende gesellschaftliche Gegenwehr. Hao argumentiert, dass das Streben nach immer größeren Modellen nicht nur ökologische, sondern auch soziale Risiken birgt.
Alternative Wege: Von Raketen zu Fahrrädern
Statt generischer „General‑Purpose“-Modelle, die laut Hao eher wie überdimensionierte Raketen sind, empfiehlt die Expertin den Aufbau spezialisierter, ressourcenschonender KI‑Anwendungen. Kleine, zielgerichtete Modelle benötigen deutlich weniger Rechenleistung und können konkrete Probleme effizient lösen. Beispiele hierfür sind AlphaFold von DeepMind für die Proteinforschung oder Open‑Source‑Modelle, die lokale Wetterextreme vorhersagen, Lieferketten optimieren oder Gebäudetechnik energieeffizient steuern.
Eurostack und offene Initiativen
Initiativen wie Eurostack oder diverse Open‑Source‑Projekte könnten Europa helfen, die Abhängigkeit von amerikanischen und chinesischen Big‑Tech‑Playern zu reduzieren. Durch gemeinschaftlich entwickelte Modelle lässt sich nicht nur die digitale Souveränität stärken, sondern auch ein ökologisch verträglicheres Innovationsklima schaffen.
Fazit: Der Weg zu einer eigenständigen KI‑Politik
Karen Hao fordert die EU auf, ihren eigenen Kurs zu definieren: weniger Fokus auf ungebremstes Skalieren, mehr Investitionen in spezialisierte, transparente und umweltfreundliche KI‑Lösungen. Statt „Raketentechnologie“ für alltägliche Verkehrs‑ und Energiefragen zu verwenden, sollte Europa lieber „Fahrräder bauen“ – also praktikable, leichtgewichtige Tools, die wirklich zu den Bedürfnissen der Gesellschaft passen.
Source: https://netzpolitik.org/2026/wettlauf-nach-unten-karen-hao-kritisiert-europaeischen-ki-kurs/