Digitale Gewalt: Ein wachsendendes gesellschaftliches Problem

Die Enthüllungen der Schauspielerinnen Collien Fernandes haben die Diskussion um Online‑Missbrauch neu entfacht. Was einst nur ein Randthema in Fachkreisen war, ist heute fester Bestandteil politischer Tagesordnungen und wird sogar im Bundestag debattiert. Neben Hasskommentaren, Stalking und non‑consensual Sharing entsteht ein komplexes Geflecht aus technischer Kontrolle und patriarchalen Machtstrukturen, das Frauen in nahezu allen Lebensbereichen erreicht. Die wachsende mediale Aufmerksamkeit zeigt, dass digitale Gewalt nicht als isoliertes Phänomen, sondern als integraler Bestandteil häuslicher und geschlechtsspezifischer Gewalt verstanden werden muss.

Einheitliche Forderungen der Fachkräfte

Sieben Fachpersonen, die seit Jahren an der Schnittstelle von Recht, Sozialarbeit und Technologie aktiv sind, bündeln ihre Stimme. Sie verlangen, dass Betroffene ernst genommen und das Hilfesystem nachhaltig ausgebaut wird. Gleichzeitig warnen sie vor allen Formen von flächendeckender Überwachung, die die Grundrechte gefährden. Die Expert*innen betonen, dass ein rein strafrechtlicher Ansatz unzureichend ist – ein ganzheitliches Schutzkonzept, das Prävention, Plattformregulierung und opferzentrierte Beratung verknüpft, sei unabdingbar.

Elizabeth Ávila González – Juristin und Aktivistin

Als Referentin für digitale Gewalt beim Bundesverband der Frauenberatungsstellen (bff) verbindet Elizabeth Ávila González juristisches Fachwissen mit Menschenrechts‑Expertise. Sie prägte den Leitsatz „Digitale Gewalt ist reale Gewalt“ und unterstreicht, dass digitale Misshandlungen tief in patriarchale Machtverhältnisse eingebettet seien. Für sie ist ein strukturierter Ausbau der Beratungsstellen, finanziell abgesichert und personell stark, die zentrale Maßnahme. Sie lehnt pauschale Klarnamenpflichten und Chatkontrollen ab, weil diese die Anonymität gefährden, die vielen Opfern als Schutzmechanismus dient.

Ophélie Ivombo – Informatikerin und Bildungsarbeiterin

Ophélie Ivombo brachte ihr Informatik‑Studium in die Arbeit mit Frauenhäusern ein. Seit 2022 betreut sie das Projekt „Sicher gegen digitale Gewalt“ und fokussiert sich auf die Gefahren von Ortungs‑ und Überwachungssoftware in Trennungs‑ und Trennungsprozessen. Ihr aktueller Bericht „Digitale (Ex‑)Partnerschaftsgewalt: gefährliche Schutzlücken im Hilfesystem schließen“ fordert ein konsequentes Ausbau‑ und Vernetzungsmodell, das technische Beratung, psychologische Unterstützung und rechtliche Begleitung kombiniert. Ivombo betont, dass digitale Kompetenz in allen Hilfseinrichtungen zur Grundvoraussetzung werden muss.

Weitere Stimmen aus Politik, Forschung und Hilfseinrichtungen

Die übrigen fünf Expert*innen kommen aus unterschiedlichen Bereichen: ein Bundestagsabgeordneter, eine Sozialpsychologin, ein Plattform‑Policy‑Berater, eine Bürgerrechtsaktivistin und ein Vertreter einer Selbsthilfegruppe. Trotz ihrer diversen Hintergründe teilen sie die Aufforderung, dass Gesetzesreformen allein nicht genügen. Sie plädieren für ein integriertes Netzwerk, das frühzeitige Intervention, digitale Bildungsangebote und klare Meldewege miteinander verknüpft. Gleichzeitig warnen sie vor einer Überregulierung, die Innovation erstickt und die Rechte vulnerabler Nutzer*innen schwächt.

Wege zu einem umfassenden Schutz

Ein nachhaltiges Konzept muss mehrere Ebenen adressieren: erstens die strafrechtliche Verfolgung von Täter*innen, zweitens präventive Aufklärungsprogramme in Schulen und Unternehmen, drittens eine flächendeckende Finanzierung von Beratungsstellen, und viertens klare, transparente Regeln für Plattformen, die Missbrauch schnell erkennen und entfernen sollen. Nur durch ein Zusammenspiel von Gesetzgebung, zivilgesellschaftlichem Engagement und technischer Verantwortung kann digitale Gewalt wirksam bekämpft werden.

Source: https://netzpolitik.org/2026/strafrecht-allein-reicht-nicht-sieben-koepfe-gegen-digitale-gewalt/

Related Articles