Faschisierung als medialer Prozess

Im Gespräch mit dem Kulturwissenschaftler Simon Strick wird deutlich, dass die aktuelle Rechtsradikalisierung nicht erst plötzlich auftritt, sondern bereits seit über zwei Jahrzehnten in den Strukturen des Internets verwurzelt ist. Strick verwendet bewusst den Begriff Faschisierung statt Faschismus, weil er damit einen kontinuierlichen, gesellschaftlichen Wandel beschreiben will, der sich ständig im Hintergrund abspielt und nicht erst an einem kritischen Wendepunkt sichtbar wird.

Warum "Faschisierung"?

Der klassische Faschismusbegriff impliziere ein plötzliches Auftreten – ein Alarm, der erst nach einem Umschlagspunkt ausgelöst wird. Strick betont, dass diese Sichtweise die vielen kleineren, aber kumulativen Entwicklungen übersieht, die bereits im digitalen Alltag stattfinden. Stattdessen spreche man von einer fortwährenden Transformation des politischen Diskurses, die durch digitale Plattformen beschleunigt wird.

Digitale Mechanismen und kollektive Praxis

Ein zentrales Element seiner Analyse ist die kollektive Praxis des Einübens. Nutzer*innen gewöhnen sich an eine Alltagssprache, die von harmlosen Irritationen zu offenen Abwertungen und sogar zu Auslöschungswünschen übergeht. Diese Sprache entsteht nicht in isolierten Einzelereignissen, sondern wird durch wiederholte Interaktionen in Foren, sozialen Netzwerken und Kommentarspalten normalisiert.

Ein anschauliches Beispiel liefert das Meme „Clownwelt“. 2019 erschien im Forum 4chan ein Bild eines Clowns mit Regenbogenperücke, das als Variation des rechten Symbols Pepe the Frog gedacht war. Schnell wurde das Bild von Teilen der rechten Szene als neues Symbol für queerfeindliche Gewalt aufgegriffen. Der Verfassungsschutz nahm das Symbol in seinen Bericht über rechtsextreme Symbolik auf. Heute steht das Clown‑Meme im deutschsprachigen Raum für die Forderung, Regenbogenfahnen zu entfernen, damit das traditionelle Schwarz‑Rot‑Gold wieder „seinen Platz“ einnimmt. Dieses Beispiel verdeutlicht, wie schnell ein harmloses Bild zu einem politisch aufgeladenen Zeichen wird, das in der öffentlichen Debatte zirkuliert.

Die Rolle von Memes und Plattformen

Memes fungieren dabei als schnelle, leicht teilbare Träger von Ideologien. Sie ermöglichen es, komplexe Hassbotschaften in scheinbar harmlosen Bildchen zu verpacken und so die Schwelle zur Verbreitung zu senken. Plattformen wie 4chan, Reddit oder bestimmte Telegram‑Kanäle bieten dabei den Nährboden, in dem solche Inhalte ungehindert zirkulieren können. Durch Likes, Shares und Kommentare wird die „Alltagssprache“ weiter verinnerlicht und normalisiert.

Auswirkungen auf die Öffentlichkeit

Strick warnt, dass die digitale Faschisierung nicht nur ein Randphänomen sei, sondern die gesamte Öffentlichkeit in einen reaktionären Modus dränge. Die ständige Konfrontation mit abwertenden Memes und einer Sprache, die von kleinen Provokationen zu offenen Feindbildern eskaliert, führt zu einer schleichenden Desensibilisierung. Das Ergebnis: Eine Gesellschaft, die zunehmend bereit ist, radikale Positionen zu akzeptieren, ohne die Gefahr zu erkennen.

Der Kulturwissenschaftler ruft daher zu einer kritischen Reflexion des eigenen Online‑Verhaltens auf. Jeder Klick, jedes Like und jeder Kommentar kann unbeabsichtigt einen Teil des faschistischen Prozesses verstärken. Nur durch ein bewusstes Gegensteuern – etwa durch das Hinterfragen von Quellen, das Vermeiden von Hass‑Memes und das Fördern einer inklusiven Diskussionskultur – könne man dem Trend entgegenwirken.

Die Analyse von Simon Strick liefert damit einen wichtigen Rahmen, um die Verquickung von Technologie, Sprache und politischer Radikalisierung zu verstehen. Sie zeigt, dass die Gefahr nicht in einzelnen Ereignissen liegt, sondern in einem langfristigen, medial geprägten Prozess, der bereits heute die Grundlagen unseres demokratischen Diskurses untergräbt.

Source: https://netzpolitik.org/2026/interview-simon-strick-faschisierung-ist-ein-medialer-prozess/

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