Ein außergewöhnlicher El Niño entsteht
Im Pazifischen Äquatorbereich sammelt sich derzeit ein ungewöhnlich starkes El Niño‑Phänomen. Wissenschaftler des US‑Klimavorhersagezentrums NOAA haben bereits im September gemessen, dass die Oberflächentemperatur des Ozeans im östlichen Teil um mehr als drei Grad Celsius über dem Normalwert liegt. Auf Basis dieser Daten schätzen sie die Wahrscheinlichkeit, dass die kommende El Niño‑Phase die bislang bekannten Ereignisse seit 1950 übertrifft, auf rund 75 % – ein Wert, der in der Fachwelt für Aufsehen sorgt.
Ein El Niño entsteht, wenn das normalerweise kalte, tiefere Wasser entlang des Äquators nicht mehr nach oben steigt. Stattdessen wandert eine riesige Wassermasse warmen Wassers vom westlichen Pazifik in die mittleren und östlichen Regionen. Diese Verschiebung erwärmt die Meeresoberfläche stark und verändert gleichzeitig die atmosphärischen Windmuster. Das Gegenstück, La Niña, bewirkt das Gegenteil: vermehrtes Aufsteigen von kaltem Wasser und eine Abkühlung der Oberfläche.
Warum dieses Mal besonders stark?
Klimaforscher wie Wilco Hazeleger von der Universität Utrecht betonen, dass die genauen Ursachen für die außergewöhnliche Intensität noch nicht vollständig geklärt sind. Ein Teil der Erklärung liegt in der bereits bestehenden globalen Erwärmung: Der Pazifik ist heute insgesamt wärmer, sodass selbst ein moderates El Niño‑Signal zu einer überproportionalen Temperatursteigerung führen kann. Historisch gab es bereits starke Ereignisse, etwa 1997‑1998 und 2015‑2016, doch die aktuelle Entwicklung könnte die bislang gemessenen Rekorde brechen.
Globale Auswirkungen und Europa
Die thermische Anomalie im Pazifik löst nicht nur lokale Wetterveränderungen aus, sondern erzeugt atmosphärische Wellen, die sich über den gesamten Globus ausbreiten. In Südamerika, Indonesien, den Philippinen und Australien erwarten Experten vermehrte Starkregen‑ und Überschwemmungsereignisse, während Teile Afrikas und Nordamerikas mit intensiver Trockenheit und Hitzewellen rechnen müssen.
Für Nord‑West‑Europa, zu dem die Niederlande und Belgien gehören, ist die direkte Einwirkung vergleichsweise gering. Dennoch gibt es subtile Effekte: Die Wahrscheinlichkeit für ein nasses Frühjahr steigt leicht, weil die veränderten Luftströmungen mehr Feuchtigkeit nach Norden transportieren. Darüber hinaus trägt ein starkes El Niño zur globalen Erwärmung des folgenden Jahres bei – die Weltmeteorologische Organisation (WMO) warnt, dass 2027 das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen werden könnte.
Unsicherheiten und laufende Forschung
Obwohl die Prognosen von NOAA eine „sehr starke“ El Niño‑Phase mit hoher Wahrscheinlichkeit angeben, bleibt ein gewisser Unsicherheitsfaktor bestehen. Die Wechselwirkung zwischen natürlichem Klimaphänomen und anthropogener Erderwärmung ist nach wie vor Gegenstand intensiver Studien. Wissenschaftler diskutieren, inwieweit die globale Erwärmung zukünftige El Niño‑Ereignisse systematisch verstärkt und ob die damit verbundenen Extremereignisse – nasse Gebiete werden nasser, trockene noch trockener – langfristig zunehmen werden.
Der Höhepunkt des aktuellen El Niño wird voraussichtlich erst nach dem Winter erreicht sein. Erst dann lässt sich abschätzen, ob tatsächlich ein neuer Rekord gebrochen wird. Bis dahin beobachten Meteorologen weltweit die Meeres‑ und Lufttemperaturen, um die Modelle weiter zu verfeinern.