Ein erschreckendes Bild: Deepfakes treffen europäische Abgeordnete
Eine aktuelle Untersuchung der Berliner Denkfabrik Agora Digitale Transformation hat ergeben, dass mindestens 147 Abgeordnete aus 22 EU‑Staaten Opfer sexualisierter Deepfakes geworden sind. Die Analyse, die im Auftrag der Stiftung Mercator durchgeführt wurde, durchsuchte mehr als 5.800 Namen von Parlamentar*innen und stieß dabei in 38 Fällen auf eindeutig manipulierte, sexuell aufgeladene Bild‑ oder Videomaterialien.
Wer ist besonders betroffen?
Die Zahlen zeigen ein klares Geschlechtergefälle: Von den 147 Betroffenen waren 138 Frauen und lediglich neun Männer. Das bedeutet, dass weibliche Politiker*innen fast ausschließlich Zielscheibe dieser Form digitaler Gewalt werden. Die EU‑Abgeordnete Lena Schilling (Grüne) aus Österreich sprach bereits öffentlich darüber, wie sie „gegen ihren Willen ausgezogen“ wurde. Sie betonte, dass Künstliche Intelligenz (KI) bestehende Gewalt gegen Frauen verstärke und dringende politische Gegenmaßnahmen erfordere.
Wie entstehen die Deepfakes?
Moderne KI‑Tools, oft als „Nudifier“- oder Auszieh‑Apps bezeichnet, benötigen lediglich ein Foto der betroffenen Person, um daraus pornografisch‑ähnliche Darstellungen zu generieren. Diese Programme arbeiten automatisiert und können in wenigen Sekunden täuschend echte Inhalte produzieren, die dann auf spezialisierten Deepfake‑Seiten verbreitet werden.
Reaktion des EU‑Parlaments
Angesichts der alarmierenden Befunde haben 119 Abgeordnete des Europäischen Parlaments einen offenen Brief an die EU‑Kommission und die Mitgliedstaaten gerichtet. Sie fordern klare Vorgaben, gut ausgestattete Behörden und ein wirksames Verbot von Nudifier‑Apps, das im Rahmen der KI‑Verordnung (AI Act) am 2. Dezember 2026 in Kraft treten soll. Der Brief betont, dass ein Gesetz allein nicht ausreiche – die Durchsetzung müsse gewährleistet sein, sonst schütze das Papier nichts.
Gesetzliche Lücken und praktische Herausforderungen
In einigen der betroffenen Länder existieren bereits Regelungen gegen Deepfakes, doch die Studie zeigt, dass diese Gesetze kaum Wirkung zeigen. Selbst wenn manipulierte Inhalte offline genommen werden, können Suchmaschinen weiterhin veraltete Ergebnisse anzeigen und den Ruf der Betroffenen nachhaltig schädigen. Agora empfiehlt daher, Suchmaschinen stärker in die Präventionsstrategie einzubeziehen.
Ausblick: Was muss sich ändern?
Die betroffenen Politiker*innen sehen die aktuelle Situation als geschlechtsspezifische digitale Gewalt, die darauf abzielt, Frauen zu demütigen und ihre körperliche Autonomie zu kontrollieren. Für angehende Politikerinnen bedeutet dies, dass sie heute bereits das Risiko solcher Angriffe in ihre Karriereplanung einbeziehen müssen. Die Forderungen der EU‑Abgeordneten zielen darauf ab, nicht nur rechtliche Lücken zu schließen, sondern auch technische Maßnahmen zu etablieren, die das schnelle Erkennen und Entfernen von Deepfake‑Inhalten ermöglichen.