Proxima Fusion startet Milliardenprojekt für Hochtemperatur‑Supraleiter
Das in Deutschland ansässige Startup Proxima Fusion hat angekündigt, eine Fabrik im Wert von 140 Millionen Euro zu errichten, um hochtemperatur‑supraleitendes (HTS) Band in Fusionsqualität zu produzieren. Das Vorhaben soll nicht nur die eigene Lieferkette sichern, sondern auch die Abhängigkeit von asiatischen Herstellern verringern, die bislang den Großteil des globalen HTS‑Marktes dominieren.
Warum HTS‑Band das Rückgrat moderner Fusionsreaktoren ist
HTS‑Band ermöglicht die Erzeugung extrem starker Magnetfelder bei vergleichsweise hohen Betriebstemperaturen. Diese Eigenschaft ist für die Magnetkonfiguration von Tokamak‑ und Stellarator‑Reaktoren entscheidend, weil sie das Plasma, in dem die Kernfusion stattfindet, stabil einschließt. Ohne das Band wären die Magneten entweder viel größer, teurer oder müssten bei tiefen Temperaturen betrieben werden, was die Gesamteffizienz des Kraftwerks stark beeinträchtigen würde.
Der aktuelle Lieferengpass: Asien als dominanter Anbieter
Derzeit werden über 90 % des weltweit verfügbaren HTS‑Bands in China und Japan hergestellt. Diese Konzentration birgt Risiken: geopolitische Spannungen, Exportbeschränkungen oder Produktionsengpässe können die Verfügbarkeit für europäische Fusionprojekte gefährden. Proxima Fusion will mit der neuen Anlage in Niedersachsen diese Abhängigkeit mindern und gleichzeitig die Lieferkapazität für die wachsende Zahl von Fusionsstartups erhöhen.
Planung und Finanzierung der Produktionsstätte
Die Finanzierung des Werks erfolgt über eine Mischung aus privaten Investitionen und öffentlichen Mitteln. Der niedersächsische Staat stellt 21 Millionen Euro bereit, während der Rest aus einer jüngsten Finanzierungsrunde von 411 Millionen Euro stammt, die Proxima Fusion zu einem der am besten kapitalisierten Unternehmen im Fusionssektor macht. Die Anlage wird zunächst 20.000 Kilometer HTS‑Band für ein Demonstrationskraftwerk produzieren; ein kommerzielles Kraftwerk wird voraussichtlich die doppelte Menge benötigen.
Auswirkungen auf die gesamte Fusionslandschaft
Durch die lokale Produktion von HTS‑Band könnte Proxima Fusion nicht nur die Kosten für eigene Projekte senken, sondern auch anderen Startups und etablierten Unternehmen Zugang zu einer zuverlässigen Lieferkette verschaffen. Unternehmen wie Veir nutzen das Band bereits, um die Leistungsdichte von Rechenzentren zu steigern – ein Hinweis darauf, dass die Technologie über die Energieerzeugung hinaus Anwendung findet.
Blick in die Zukunft: Skalierung und globale Konkurrenz
Wenn die Fabrik planmäßig läuft, könnte Deutschland zu einem europäischen Hub für HTS‑Band werden. Das würde nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit von Proxima Fusion stärken, sondern auch die gesamte europäische Fusionsindustrie unabhängiger von asiatischen Lieferanten machen. Gleichzeitig bleibt die Herausforderung bestehen, die Produktionsprozesse zu optimieren, um die hohen Qualitätsanforderungen der Fusionstechnologie zu erfüllen.