Ein unerwartetes Pilotprojekt im Bremer Nahverkehr

Die Bremer Straßenbahn AG (BSAG) hat im Frühjahr 2025 ein Pilotprojekt gestartet, das das Verhalten von Fahrgästen in den Trams mittels Künstlicher Intelligenz analysiert. Ursprünglich sollte die neue Software lediglich Schäden an Fahrzeugen automatisch dokumentieren. Stattdessen erhielt das Unternehmen von der Softwareschmiede „Just Add AI“ (JAAI) ein System zur Aggressions‑ und Gewaltserkennung, das sofort in einer Testfahrt ausprobiert wurde.

Wie es zur Einführung kam

Der Wunsch nach einer automatisierten Schadensdokumentation führte zu einer Anfrage bei JAAI. Die Firma lehnte die reine Schadensanalyse ab und bot stattdessen ein KI‑basiertes Verhaltensmonitoring an. In einer sogenannten „Theaterfahrt“ im September 2024 wurden Szenarien wie Übergriffe, Diebstahl und Waffengebrauch simuliert, um die Funktionsweise des Scanners zu demonstrieren. Trotz fragwürdiger Zwischenergebnisse entschied die BSAG, das System auf 43 Trams – ein Drittel ihrer Flotte – auszurollen.

Reaktionen der Aufsichtsbehörden

Der Landesdatenschutzbeauftragte äußerte bereits bei einer internen Inspektion grundsätzliche Bedenken. Die Datenschutz‑Folgenabschätzung sei unzureichend, und die Persönlichkeitsrechte der Fahrgäste würden massiv verletzt. Dennoch zeigte die BSAG wenig Bereitschaft, das Projekt zu stoppen, und verweigerte Anfragen von Journalisten sowie von der zuständigen SPD‑Senatorin.

Ein Trend, der über Bremen hinausgeht

Der Bremer Fall ist kein Einzelfall. In Städten wie Mannheim, Hamburg, Dortmund und Düsseldorf laufen bereits ähnliche Pilotprojekte. Mehrere Bundesländer planen, KI‑Scanner an Bahnhöfen und öffentlichen Plätzen einzusetzen. Der Bundestag soll nach der Sommerpause ein Gesetz verabschieden, das den flächendeckenden Einsatz solcher Systeme ermöglicht.

Die Debatte um Sicherheit versus Freiheit

Befürworter argumentieren, dass automatisierte Verhaltenskontrollen Kriminalität im öffentlichen Raum wirksam eindämmen könnten. Kritiker hingegen warnen vor einer Überwachungsgesellschaft, in der Algorithmen Entscheidungen über das Verhalten von Menschen treffen, ohne dass diese darüber informiert oder einwilligen. Der Konflikt zwischen öffentlicher Sicherheit und dem Schutz der Privatsphäre steht im Zentrum der Diskussion.

Transparenz dank Informationsfreiheitsgesetz

Dank einer Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz veröffentlichte der Chaos Computer Club (CCC) interne Vermerke und weitere Unterlagen, die den Ablauf des Projekts dokumentieren. Diese Dokumente ermöglichen es, den gesamten Prozess nachzuvollziehen, obwohl die BSAG selbst keine Auskünfte erteilt hat.

Der Bremer Vorstoß zeigt, wie schnell technologische Innovationen in den öffentlichen Raum eindringen können – oft ohne ausreichende rechtliche Prüfung. Ob solche Systeme künftig flächendeckend eingesetzt werden, hängt maßgeblich von der öffentlichen Debatte und den Entscheidungen der Aufsichtsbehörden ab.

Source: https://netzpolitik.org/2026/ueberwachung-im-oepnv-mit-dieser-realsatire-fuehrte-bremen-verhaltensscanner-ein/

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