Einleitung
Viele Menschen glauben, sie leisten einen großen Beitrag zum Klimaschutz, wenn sie Müll trennen oder das Licht ausschalten. Doch die wirkliche Wende beginnt erst, wenn wir das Fliegen aufgeben. Eine aktuelle Untersuchung der Universität Genf deckt auf, dass wir die Klimawirkung von Flugreisen systematisch unterschätzen und gleichzeitig kleinere Alltagsmaßnahmen überschätzen.
Carbon Competence – das fehlende Urteilsvermögen
Der Begriff „carbon competence“ beschreibt die Fähigkeit, den CO₂‑Einfluss persönlicher Entscheidungen realistisch einzuschätzen. Personen mit hoher carbon competence können gezielter handeln, um Emissionen zu senken. Die Studie zeigt jedoch, dass selbst stark engagierte Umweltschützer häufig ein verzerrtes Bild haben.
Methodik der Untersuchung
Fast 3 000 Teilnehmende beantworteten einen Fragebogen, in dem ihnen 32 unterschiedliche Klimamaßnahmen präsentiert wurden – von Recycling über energieeffiziente Geräte bis hin zu Flugverzicht. Anschließend sollten sie den jeweiligen Beitrag zur Reduktion von Treibhausgasen schätzen.
Ergebnisse: Was wir überschätzen, was wir unterschätzen
Die Analyse ergab, dass Recycling, die Nutzung recycelter Materialien, der Kauf energieeffizienter Haushaltsgeräte, bessere Gebäudedämmung und Home‑Office am häufigsten überschätzt werden. Im Gegensatz dazu wurden das Aufgeben von Flugreisen, das Leben ohne Auto, der Umstieg auf ein Elektroauto, das Vermeiden von Langstreckenflügen und der Bezug von Ökostrom stark unterschätzt.
Psychologische Mechanismen hinter den Fehlwahrnehmungen
Zwei zentrale Denkfehler erklären die Diskrepanz:
Verfügbarkeitsheuristik
Menschen neigen dazu, Maßnahmen als wirksamer zu bewerten, wenn sie leicht in den Sinn kommen. Aktionen, die häufig in Medien, Schulen oder im Alltag thematisiert werden, erscheinen bedeutender, obwohl ihr tatsächlicher CO₂‑Einsparungseffekt gering ist.
Motiviertes Denken
Wir tendieren dazu, den Nutzen von Verhaltensweisen zu überschätzen, die wir bereits praktizieren. Dieses Phänomen schützt das eigene Selbstbild, führt jedoch zu einer verzerrten Wahrnehmung der eigenen Klimabilanz.
Wer ist besonders anfällig?
Interessanterweise überschätzen Personen mit stark ausgeprägten Umweltwerten die Wirkung von Klimamaßnahmen generell. Im Gegensatz dazu zeigen Menschen mit guten numerischen Fähigkeiten präzisere Schätzungen und sind weniger von den genannten Denkfehlern betroffen.
Ansätze zur Korrektur der Fehlwahrnehmungen
Die Forschenden testeten verschiedene Interventionen. Einige Teilnehmende erhielten eine Liste mit Maßnahmen, die nachweislich hohe Emissionseinsparungen bewirken. Andere wurden angeleitet, die Aufwand‑ oder Seltenheitskomponente einer Maßnahme zu berücksichtigen. Die Wirksamkeit variierte stark und hing vom individuellen Fähigkeit ab, Verhaltenskosten oder soziale Verbreitung als Hinweis auf die reale Klimawirkung zu nutzen.
Die zentrale Herausforderung besteht darin, Aufklärungskampagnen so zu gestalten, dass sie unterschiedliche Zielgruppen erreichen und deren kognitive Vorlieben berücksichtigen.
Source: https://scientias.nl/waarom-we-de-klimaatimpact-van-vliegen-structureel-onderschatten/