Von Tom Sawyers Zaun zum digitalen Machtspiel
Die Erzählung vom Jungen, der für seine Ungezogenheit den riesigen Zaun seiner Tante streichen muss, dient als Bild für ein immer wiederkehrendes Muster im Internet: Freiwillige übernehmen Arbeit, die eigentlich jemand anderem gehört, und werden dafür sogar bezahlt.
Wolf Lotters Modernisierung des „ruhmrichen Zaunweißens“
Im Jahr 2007 griff Wolf Lotter in einem Essay für die Brand Eins das klassische Motiv von Mark Twain auf und übertrug es auf das Web 2.0. Nutzer*innen würden „aus Freude“ Inhalte produzieren, während Unternehmen davon profitierten – ein Prinzip, das heute als Grundlage vieler KI‑Plattformen gilt.
Künstliche Intelligenz: Der neue Pinsel
Im Zeitalter der generativen KI wird dieses Prinzip noch präsenter. Statt Menschen zu ersparen, dass sie selbst den Zaun streichen, übernehmen Algorithmen die Arbeit, während andere nur noch zuschauen oder kleine Gegenleistungen erbieten. Die Illusion, die Füße hochzulegen, zerfällt schnell, sobald man die zugrundeliegende Wirtschaftlichkeit betrachtet.
Anthropic versus Pentagon – ein moderner Konflikt
Im Januar 2026 brach die Beziehung zwischen dem KI‑Start‑up Anthropic und dem US‑Verteidigungsministerium zusammen. Der Streit entstand, weil Anthropic sich weigerte, seine Modelle für autonome Waffen oder Massenüberwachung bereitzustellen. Das Pentagon erklärte die Technologie daraufhin zum Lieferkettenrisiko, und OpenAI trat als neuer Lieferant ein.
„Cancel ChatGPT“ – das digitale Zaunstreichen
Nach dem Bruch kam es zu einer Welle von Kündigungen der ChatGPT‑Abos. Medien riefen zum Abschied von OpenAI auf, während Nutzer*innen zu Anthropic wechselten – ein klassisches Beispiel dafür, dass die allgemeine Bevölkerung mit einem Pinsel schwingt, ohne die dahinterstehenden Machtstrukturen zu hinterfragen.
Militärische Nutzung von KI – schneller, tödlicher, unkontrollierbarer
Gleichzeitig wird KI immer stärker in Kriegsführung integriert: In Gaza, der Ukraine und nun im Iran beschleunigt sie die Zielidentifikation und erhöht das Risiko von Kollateralschäden. Das Projekt „Maven“ des Pentagons, unterstützt von Palantir‑Software, zeigt, dass die Technologie nicht nur zivil genutzt wird, sondern ein zentrales Element moderner Konflikte geworden ist.
Die Geschichte vom Zaunweißens bleibt also ein warnender Mythos: Was als harmloser Spaß begann, kann zu einer Instrumentalisierung führen, die weit über das ursprüngliche Spiel hinausreicht.
Source: https://netzpolitik.org/2026/degitalisierung-das-ruhmreiche-zaunweissen/