Databroker und der unkontrollierte Handel mit Standortdaten
Milliarden von präzisen Standortinformationen werden von ahnungslosen Smartphone‑Nutzer*innen erzeugt. Was zunächst als harmloser Werbe‑Trackingsatz erscheint, wandelt sich in ein lukratives Geschäftsmodell, das Daten an sogenannte Databroker verkauft. Diese kaufen die Informationen über populäre Apps, verknüpfen sie mit weiteren Profilen und vermarkten sie an Interessenten, die bereit sind, für jede Minute GPS‑Präzision tief in die Tasche zu greifen.
Einblick in die Recherche von netzpolitik.org und dem Bayerischen Rundfunk
Im Februar 2024 stießen Journalist*innen auf einen kostenlosen Datensatz, den ein Databroker als Vorgeschmack für ein kostenpflichtiges Abonnement bereitstellte. Der Fund war der Auftakt einer Untersuchung, die nicht nur die flächendeckende Verletzung der Privatsphäre enthüllte, sondern auch die Gefahr für die nationale Sicherheit aufzeigte. Die EU‑Kommission reagierte mit Besorgnis, während die ARD‑Doku „Gefährliche Apps – Im Netz der Datenhändler“ die Ergebnisse einem breiten Publikum präsentiert.
Vier Schicksale, die das Ausmaß verdeutlichen
1. Ukrainische Soldaten an der Front
Dmytro, ein Ex‑Soldat aus der Nähe von Odessa, erinnert sich daran, wie das Smartphone im Kampf als moralischer Anker diente. Doch dieselben Geräte wurden von Werbefirmen geortet und anschließend an Datenhändler verkauft. Die Recherche‑Teams konnten Handy‑Standorte aus umkämpften Gebieten in der Ukraine nachweisen – sogar über das Satelliten‑Internet Starlink. Diese Daten könnten potenziell von russischen Streitkräften genutzt werden, um Truppenlager zu lokalisieren.
2. Verfolgung einer Exil‑Journalistin
Basma Mostafa floh aus Ägypten nach Berlin, nachdem sie dort wegen kritischer Berichte über Polizeigewalt verhaftet und gefoltert wurde. In Berlin spürte sie jedoch die Schatten ihrer Verfolger wieder. Über ihr Smartphone wurden ihre Bewegungen erfasst und an Dritte weiterverkauft, sodass ägyptische Agenten ihr nachspüren konnten. Die Doku zeigt, wie selbst im vermeintlichen Exil digitale Spuren zur Gefahr werden.
3. Eine bayerische Schülerin im Datenstrudel
Die Geschichte einer 16‑jährigen Schülerin aus Bayern verdeutlicht, dass nicht nur Prominente oder Soldaten betroffen sind. Ihr häufig genutztes Lern‑App‑Toolkit sammelte GPS‑Daten, die später anonymisiert, aber mit anderen Informationen kombiniert, an Databroker gelangten. Die Veröffentlichung ihres genauen Bewegungsprofils im Netz war ein Schock für die Familie und ein Paradebeispiel dafür, wie alltägliche Apps zur Quelle sensibler Daten werden.
4. Verbraucher‑ und Politik‑Reaktionen
Fachleute aus Politik, Verbraucherschutz und IT‑Sicherheit fordern nun ein umfassendes Verbot von Tracking und Profilbildung zu rein werblichen Zwecken. Die ARD‑Doku verdeutlicht, dass der aktuelle Rechtsrahmen den massiven Datenhandel kaum eindämmen kann. Stattdessen rufen Experten zu strengeren Auflagen, transparenteren Nutzerbedingungen und harten Strafen für Verstöße auf.
Die Dokumentation ist in der ARD Mediathek sowie in einer erweiterten Fassung in der Arte‑Mediathek verfügbar. Sie macht deutlich, dass der scheinbar harmlose Datenhandel unmittelbare Konsequenzen für das Leben von Menschen in Krisengebieten, Exil‑Journalist*innen und ganz normalen Bürger*innen hat.
Source: https://netzpolitik.org/2026/grosse-ard-doku-achtung-datenhandel-lebensgefahr/