Einleitung
Eine aktuelle retrospektive Analyse aus Schweden legt nahe, dass das Antikonvulsivum Lamotrigine nicht nur bei Epilepsie, sondern auch bei der Linderung von Migräne‑Aura wirksam sein könnte. Die Untersuchung, veröffentlicht in „Frontiers in Neurology“, basiert auf den Daten von 81 Patienten, die zwischen 2014 und 2022 in einer neurologischen Klinik in Lund behandelt wurden.
Was ist eine Migräne‑Aura?
Bei vielen Betroffenen geht einer heftigen Kopfschmerzphase ein kurzer neurologischer Vorlauf voraus. Typische Symptome umfassen flackernde Lichtblitze, blinde Flecken, Kribbeln in den Gliedmaßen oder Gleichgewichtsstörungen. Für manche ist gerade dieser Vorlauf das belastendste Element des Anfalls, weil er plötzlich einsetzt und die Lebensqualität stark einschränkt.
Lamotrigine im Fokus
Lamotrigine ist bereits etabliert in der Therapie von Epilepsie und bipolaren Störungen. Im Rahmen der schwedischen Studie zeigte sich, dass die durchschnittliche Anzahl an Aura‑Tagen von sieben pro Monat auf lediglich 1,4 sank – ein Rückgang von fast 80 %. Bei 85,2 % der Teilnehmenden reduzierte sich die Frequenz um mindestens die Hälfte.
Wie könnte das Medikament wirken?
Neurophysiologen vermuten, dass während einer Aura ein Prozess namens „cortical spreading depolarisation“ (CSD) abläuft. Dabei breitet sich eine Welle veränderter elektrischer Aktivität langsam über die Großhirnrinde aus. Lamotrigine dämpft die Erregbarkeit von Neuronen und hemmt die Freisetzung des Neurotransmitters Glutamat, wodurch die Ausbreitung einer solchen Welle theoretisch verlangsamt oder sogar verhindert werden könnte.
Methodische Einschränkungen
Die Untersuchung war retrospektiv und ohne Placebo‑Kontrollgruppe durchgeführt. Das bedeutet, dass Korrelationen nicht zwingend Kausalität bedeuten und andere Einflussfaktoren nicht ausgeschlossen werden können. Frühere randomisierte Studien lieferten gemischte Ergebnisse, wobei kleinere Studien eher positive Effekte zeigten, während größere, kontrollierte Versuche weniger überzeugend waren.
Nebenwirkungen im Überblick
Von den 81 Patienten berichteten 29 über unerwünschte Effekte, vor allem Hautreaktionen. Weitere Beschwerden umfassten Schwindel, Müdigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten. Fünf Personen brachen die Therapie ab, einer davon entwickelte das schwere Stevens‑Johnson‑Syndrom. Die Analyse deutet darauf hin, dass ein langsameres Dosistitrationsschema das Risiko von Nebenwirkungen mindern könnte.
Ausblick und weitere Forschung
Die schwedischen Wissenschaftler betonen, dass weitere prospektive, randomisierte Studien nötig sind, um die Wirksamkeit von Lamotrigine bei stark ausgeprägten Aura‑Patienten eindeutig zu belegen. Sollten zukünftige Prüfungen die bisherigen Ergebnisse bestätigen, könnte das Medikament eine wertvolle Ergänzung zu den derzeit begrenzten Therapieoptionen darstellen.