Ein neues, fast unsichtbares Lebewesen aus der Tiefe

Im August 2025 stießen chinesische Biologen bei Feldarbeiten in einer Kalksteingrotte nahe Yuxi, Provinz Yunnan, auf ein bislang unbekanntes Exemplar einer Süßwasserschnecke. Die Art, die den Namen Erhaia dijiang trägt, ist vollständig an das Leben im Dunkeln angepasst: Sie besitzt keinerlei Augen, ist nahezu farblos und ihr Gehäuse ist kaum mehr als ein durchscheinender Kegel von etwa zwei Millimetern Länge.

Einzigartige Merkmale und Lebensweise

Die Entdeckung ist besonders bemerkenswert, weil bislang keine rein höhlenbewohnende Süßwasserschnecke aus China bekannt war. Die Grotte liegt auf einer Höhe von 2.062 Meter über dem Meeresspiegel, womit Erhaia dijiang die höchstgelegene Vertreterin der Familie Erhaiidae ist. Die Tiere leben zwischen feinem Kies und kleinen Steinen in einem Wasserbecken, das nie tiefer als einen Meter wird und konstant etwa 20 °C hat.

Die Schnecken zeigen ein starkes Lichtscheu‑Verhalten. In den Aquarien, in denen die Forscher sie vorübergehend hielten, versteckten sie sich sofort in dunklen Spalten unter Steinen. Ihre Nahrung besteht aus Kieselalgen, die auf den Gesteinsoberflächen wachsen, sowie aus gelegentlich zugefügtem Fischfutter.

Methoden der Identifikation

Die Wissenschaftler sammelten vier Exemplare – drei lebende Tiere und ein leeres Gehäuse – mit einem feinen Netz. Unter dem Mikroskop offenbarte das Gehäuse seine fast durchsichtige Beschaffenheit. Anschließend extrahierten die Forscher DNA aus den Zellen und verglichen die Sequenzen mit bekannten Verwandten. Die Analyse zeigte die engste Verwandtschaft zu Erhaia daliensis, jedoch war die genetische Divergenz groß genug, um die neue Art zu rechtfertigen.

Besonders auffällig ist das Fehlen aller Strukturen, aus denen bei anderen Schnecken die Augen entstehen. Auch die typischen Pigmentzellen sind praktisch nicht vorhanden, sodass das Tier fast vollständig transparent wirkt.

Bedeutung für die Biodiversität

Die Entdeckung erweitert das bisherige Bild der Verbreitung von Süßwasserschnecken in Ostasien erheblich. Sie beweist, dass solche Organismen nicht nur in flachen Bächen, sondern auch in kalkhaltigen Höhlen auf über 2.000 Meter Höhe überleben können. Gleichzeitig wirft sie Fragen nach dem tatsächlichen Bestand auf: Nur drei lebende Individuen wurden gefunden, sodass die Größe und Stabilität der Population noch unklar bleibt.

Die Forscher betonen die Notwendigkeit weiterführender Untersuchungen in anderen Höhlensystemen Chinas, um herauszufinden, ob Erhaia dijiang ein endemisches Relikt dieser einen Grotte ist oder ein weit verbreiteter, bislang übersehenes Mitglied der Unterwasserfauna.

Source: https://scientias.nl/nieuwe-slakkensoort-heeft-geen-ogen-en-vrijwel-geen-kleur/

Related Articles