Ein zerrüttetes Netz nach dem Sturz Assads

Mehr als ein Jahr nach dem militärischen Umsturz im Dezember 2024 ist das digitale Leben in Syrien kaum wiederhergestellt. Während die politische Landschaft versucht, ein inklusives, demokratisches System zu formen, bleibt die technische Basis – das Internet – stark beschädigt und für die meisten Bürger:innen kaum zugänglich.

Infrastruktur in Trümmern

Jahrelange Luftangriffe haben Mobilfunkmasten und Glasfaserkabel zerstört. Die wenigen verbliebenen Leitungen werden von organisierten Banden geplündert, sodass ganze Stadtviertel ohne stabile Verbindung auskommen müssen. Zusätzlich fehlt es in vielen Haushalten an zuverlässiger Stromversorgung, was die Online‑Nutzung weiter einschränkt.

Preisexplosion und langsame Verbindungen

Laut dem Beratungsunternehmen Kepios nutzte Ende 2025 nur ein Drittel der syrischen Bevölkerung das Internet. Der Speedtest Global Index platzierte Syrien im März 2026 auf dem vorletzten Platz weltweit – nur Kuba lag schlechter. Mobilfunkdaten kosten bis zu 30 US‑Dollar pro Monat, während das durchschnittliche Einkommen bei etwa 100 US‑Dollar liegt. Das entspricht 30 % des Einkommens, ein Betrag, den sich die meisten Familien nicht leisten können.

Digitale Kluft und soziale Folgen

Die hohen Kosten und die schlechte Qualität zwingen viele Menschen, öffentliche WLAN‑Hotspots zu nutzen. Dort fühlen sich Aktivist:innen jedoch unsicher, weil Überwachung und mögliche Angriffe durch staatliche oder nicht‑staatliche Akteure allgegenwärtig sind. Die digitale Teilhabe wird damit zu einem Privileg, das vor allem gut vernetzte Stadtbewohner:innen vorbehalten ist.

Fake News und Hass im Netz

Der digitale Raum ist zudem ein Nährboden für Desinformation. Ohne stabile Plattformen für unabhängigen Journalismus verbreiten sich Falschmeldungen und Hetze rasch, was die fragile Friedensphase gefährdet. Die Gefahr, dass Online‑Propaganda in reale Gewalt umschlägt, ist besonders hoch, weil die Gesellschaft nach Jahrzehnten autoritärer Herrschaft noch keine robusten Mechanismen zur Medienkompetenz entwickelt hat.

Ausblick: Chancen und Hindernisse

Obwohl Sanktionen von Europa und den USA im vergangenen Jahr gelockert wurden, haben Technologieunternehmen die Änderungen noch nicht vollständig umgesetzt. Der Zugang zu internationalen Diensten wie Netflix, TikTok, ChatGPT oder PayPal bleibt für die meisten Syrer:innen blockiert. Ohne internationale Unterstützung beim Wiederaufbau der physischen Infrastruktur und bei der Senkung der Preise wird das Internet weiterhin ein Luxusgut bleiben, das den gesellschaftlichen Wandel eher hemmt als fördert.

Die Situation in Syrien verdeutlicht, wie eng technische, ökonomische und politische Faktoren verknüpft sind. Ein funktionierendes, erschwingliches und freies Internet könnte als Katalysator für demokratische Prozesse dienen, während ein zersplittertes Netz das Risiko von Konflikten und sozialer Spaltung erhöht.

Source: https://netzpolitik.org/2026/internet-in-syrien-eine-fragile-verbindung/

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