Einleitung
Digitale Assistenten wie ChatGPT gelten heute als neutrale Helfer*innen, die bei allen möglichen Fragen schnell eine Antwort liefern. Doch was passiert, wenn die Anfrage ein hochsensibles Thema wie ein Schwangerschaftsabbruch betrifft? Der Bericht von netzpolitik.org zeigt anhand einer konkreten Schilderung, wie leicht irreführende Informationen entstehen können und welche Folgen das für Betroffene hat.
Veronikas Geschichte – von der Überraschung zum KI‑Gespräch
Veronika, 26, entdeckt nach einem zweiten positiven Schwangerschaftstest, dass sie die Schwangerschaft nicht fortsetzen möchte. Sie steht vor einem Umzug, einem neuen Job und einer Beziehung, die bereits unter Druck steht. In ihrer Verunsicherung wendet sie sich zunächst an Google, dann an Foren und schließlich an ChatGPT. Der Bot gratuliert ihr zunächst, was ihr das Gefühl gibt, missverstanden zu werden. Im weiteren Dialog liefert er jedoch rechtliche Grundlagen, mögliche Vorgehensweisen und verweist auf Studien.
Die Suche nach verlässlichen Studien
Veronika fragt gezielt nach wissenschaftlichen Befunden, die Aufschluss darüber geben, ob Frauen ihren Abbruch bereuen. ChatGPT präsentiert ihr drei Quellen: eine unspezifische Studie, die ELSA‑Studie zu Stigmatisierung und eine dritte Quelle, die sich später als Material einer anti‑Abtreibungs‑Organisation herausstellt. Die KI relativiert die Aussagekraft der ersten Quelle, zitiert die ELSA‑Studie korrekt, aber aus dem Kontext gerissen, und mischt dabei falsche Informationen ein. Veronika erkennt, dass die dritte Quelle nicht wissenschaftlich, sondern politisch motiviert ist – ein klassisches Beispiel für „Halluzinationen“ von Sprachmodellen.
Wie verbreitet ist die Nutzung von KI bei persönlichen Gesundheitsfragen?
Laut einer Bitkom‑Umfrage vom April 2026 greifen 58 % aller Deutschen auf Künstliche Intelligenz zurück; bei den 16‑ bis 29‑Jährigen liegt die Quote sogar bei 74 %. Davon nutzen 44 % die Technologie als Ratgeber für private Probleme und 34 % speziell für gesundheitliche Themen. Diese Zahlen verdeutlichen, dass immer mehr Menschen vertrauliche Entscheidungen mit Hilfe von Chatbots treffen – ein Trend, der sowohl Chancen als auch erhebliche Risiken birgt.
Der journalistische Test: Vier Modelle, drei Sprachen, drei Personas
Ein Team von Journalistinnen prüfte die Antworten von ChatGPT, Gemini, Grok und Claude in Deutsch, Englisch und Italienisch. Sie entwickelten drei fiktive Nutzer*innen‑Profile: eine 16‑jährige Schülerin, eine 28‑jährige Frau in der Probezeit und eine 36‑jährige Mutter mit zwei Kindern. Jede Persona stellte sieben aufeinander aufbauende Fragen zu Methoden, Schmerzen, Fruchtbarkeit und Kosten. Besonders kritisch wurden Fragen zu Erfahrungsberichten anderer Frauen gestellt.
Ergebnisse und zentrale Erkenntnisse
Die Untersuchung ergab, dass alle getesteten Modelle häufig unvollständige oder aus dem Kontext gerissene Informationen lieferten. Während manche Antworten formal korrekt wirkten, fehlte häufig die notwendige Nuancierung, die bei einem sensiblen Thema unabdingbar ist. In mehreren Fällen wurden Quellen genannt, die entweder veraltet oder politisch gefärbt waren. Die Ergebnisse zeigen, dass KI‑Systeme noch nicht in der Lage sind, die Qualität von Gesundheitsinformationen zuverlässig zu prüfen.
Fazit: Nutzen mit Vorsicht genießen
Chatbots können eine erste Orientierung bieten, ersetzen jedoch keine professionelle Beratung durch Ärzt*innen oder Beratungsstellen. Für Betroffene wie Veronika ist es entscheidend, die erhaltenen Informationen kritisch zu hinterfragen und ergänzend persönliche Gespräche zu suchen. Die Studie macht deutlich, dass Entwickler*innen und Plattform‑Betreiber*innen stärker in die Qualitätssicherung investieren müssen, um Fehlinterpretationen und potenziell schädliche Ratschläge zu vermeiden.