Einführung

Digitale Überwachung ist längst nicht mehr nur ein technisches Randthema, sondern ein alltägliches Risiko für Menschen, die Schutz in Frauenhäusern suchen. Die Expertin Isa Schaller, die sich an der Schnittstelle von Philosophie, Informatik und feministischer Technikpolitik bewegt, erklärt, wie moderne Geräte und Cloud‑Dienste von gewalttätigen Ex‑Partnern instrumentalisiert werden. Ihr Appell: Das bloße Aussperren von Betroffenen aus dem digitalen Raum darf nicht die Antwort sein, sondern ein umfassender Schutz muss entstehen.

Alltagsbedrohungen im digitalen Raum

Die technologische Entwicklung schreitet in rasantem Tempo voran. Alle paar Monate erscheinen neue Funktionen, die – oft unbeabsichtigt – missbraucht werden können. Besonders problematisch sind Bluetooth‑Tracker, die unbemerkt in Alltagsgegenständen wie Teddys, Winterjacken oder Schuhsohlen versteckt werden. Solche Geräte ermöglichen es Täter*innen, den Aufenthaltsort der Betroffenen in Echtzeit zu verfolgen, selbst wenn das Frauenhaus als sicherer Zufluchtsort gilt.

Ein weiteres Schlupfloch bilden gemeinsam genutzte Cloud‑Dienste. Wenn ein Ex‑Partner die Zugangsdaten zur privaten Cloud seiner früheren Partnerin kennt, kann er ungehindert auf Fotos, Kalender und intime Dokumente zugreifen. Auch die Kinderschutz‑Funktionen von Smartphones ermöglichen heimliche Ortung, ohne dass die Betroffenen es bemerken.

Praxisbeispiele: Tracker und geteilte Clouds

Ein eindrücklicher Vorfall, den Schaller schildert, verlief in einem Frauenhaus nach einer Schulung zum Thema Cyberstalking. Die Mitarbeitenden hatten die Sicherheits‑App „AirGuard“ installiert, um Bluetooth‑Tracker aufzuspüren. Beim ersten Durchlauf meldete die App ein verdächtiges Signal – ein Geschenk enthielt tatsächlich einen versteckten Tracker, der dazu diente, die Adresse des Hauses zu ermitteln. Dank der schnellen Reaktion konnte ein potenzieller Ortungsangriff abgewehrt werden.

Doch das ist nur ein exemplarisches Beispiel. Hinzu kommen Fälle, in denen Täter*innen über gemeinsam genutzte Familien‑Clouds Zugang zu den Daten ihrer Ex‑Partnerinnen erhalten und so Informationen über neue Aufenthaltsorte, Besucher oder sogar geplante Umzüge nachverfolgen können. Diese digitalen Eingriffe verstärken die physische Bedrohung und erschweren das sichere Ankommen in einer Schutzunterkunft.

Schulungen und Handlungsoptionen

Seit 2023 bietet das Projekt „Ein Team gegen digitale Gewalt“ deutschlandweit Schulungen für Beratungsstellen und Frauenhäuser an. Der Fokus liegt auf dem Erkennen von Ortungsgeräten, dem sicheren Umgang mit Cloud‑Diensten und dem Schutz von Mobilgeräten. Praktische Maßnahmen umfassen das regelmäßige Scannen von Bluetooth‑Signals, das Ändern von Passwörtern und das Einrichten von Zwei‑Faktor‑Authentifizierung.

Ein weiteres wichtiges Werkzeug ist die Aufklärung der Betroffenen selbst. Viele erkennen erst, dass sie überwacht werden, wenn sie plötzlich von ihrem Täter an ungewöhnlichen Orten gesehen werden. Durch gezielte Aufklärung lernen sie, Anzeichen wie plötzlich auftauchende Personen oder unerklärliche Geräusche zu deuten und entsprechende Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Forderungen für besseren Schutz

Isa Schaller betont, dass das reine „Ausklinken“ – also das Verhindern des Zugangs zu digitalen Plattformen – keine nachhaltige Lösung darstellt. Stattdessen müsse ein ganzheitlicher Ansatz verfolgt werden, der technische, rechtliche und pädagogische Ebenen integriert. Dazu gehören:

  • Verpflichtende Sicherheits‑Checks für alle Geräte, die in Frauenhäusern eingesetzt werden.
  • Entwicklung und Bereitstellung von leicht zu nutzenden Anti‑Tracking‑Tools für nicht‑technische Fachkräfte.
  • Gesetzliche Regelungen, die den Missbrauch von Ortungsgeräten klar kriminalisieren und Täter*innen konsequent verfolgen.
  • Stärkung von Netzwerken, die Fachwissen zu digitaler Gewalt bündeln und regelmäßig weiterbilden.

Nur durch ein umfassendes Schutzkonzept kann verhindert werden, dass digitale Gewalt den Fluchtweg aus der physischen Gefahr erneut blockiert.

Source: https://netzpolitik.org/2026/frauenhaeuser-ausklinken-darf-nicht-die-loesung-sein/

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