Digitale Gewalt – ein unsichtbarer Feind im Schutzraum

In Frauenhäusern, die traditionell als sichere Zufluchtsorte gelten, hat sich ein neuer Tätertyp eingenistet: die Technik. Neben physischen Bedrohungen nutzen Täter heute Smartphones, Cloud‑Dienste und winzige Bluetooth‑Tracker, um die Bewegungsfreiheit der Schutzsuchenden zu beschneiden. Isa Schaller, Mitbegründerin von „Ein Team gegen digitale Gewalt“, erklärt, dass die digitale Dimension von Missbrauch längst Alltag ist und exakt das gleiche Ziel verfolgt wie klassische physische Gewalt – Kontrolle und Einschüchterung.

Wie digitale Überwachung konkret aussieht

Ein besonders brisantes Beispiel aus der Praxis: Ein Frauenhaus installierte nach einer Schulung die App „AirGuard“, um heimlich platzierte Tracker aufzuspüren. Beim ersten Scan zeigte die Anwendung sofort einen Bluetooth‑Signalgeber, der in ein Paket eingeschlichen war. Wäre die App nicht im Einsatz, hätte der Täter die Adresse des Hauses ermittelt und die Bewohnerinnen erneut in Gefahr gebracht. Ähnliche Fälle betreffen versteckte Geräte in Teddybären, Schuhsohlen oder im Innenfutter von Winterjacken.

Ein weiteres Einsatzfeld ist die gemeinsame Cloud. Oft richtet ein Ex‑Partner ein gemeinsames Online‑Album ein, das nach dem Trennungsprozess nicht mehr geändert wird. Durch das Einloggen kann er unbemerkt Fotos, Kalender und sogar Gespräche auslesen. Die Gefahr wird noch potenziert, wenn Kinderschutz‑Features von Geräten missbraucht werden – sie aktivieren heimlich Ortungsdienste, ohne dass die Betroffene etwas davon mitbekommt.

Warum das Ausschalten von Geräten nicht die Lösung ist

Ein verbreitetes Argument lautet, Betroffene sollten alle digitalen Geräte „ausklinken“. Schaller weist jedoch darauf hin, dass komplette Abschaltung in vielen Fällen unmöglich ist: Smartphones dienen zur Kontaktaufnahme, Terminvereinbarung und Notfallkommunikation. Außerdem kann das völlige Verbot von Technik die Isolation verstärken und den Zugang zu wichtigen Unterstützungsangeboten erschweren.

Stattdessen fordert sie ein mehrschichtiges Sicherheitskonzept: Aufklärung und regelmäßige Trainings für das Personal, technisch fundierte Beratung für Bewohnerinnen und ein transparenter Umgang mit Cloud‑Nutzungen. Wichtig sei zudem die Bereitstellung von spezialisierten Tools, die Tracker erkennen, Cloud‑Zugriffe protokollieren und Ortungsfunktionen deaktivieren können, ohne die gesamte digitale Infrastruktur zu blockieren.

Ausblick – feministische Technikpolitik im Einsatz

„Ein Team gegen digitale Gewalt“ arbeitet seit 2023 bundesweit mit Frauenhäusern zusammen und hat bereits zahlreiche Workshops zu Themen wie Cyberstalking‑Prävention, sichere Passwortnutzung und den Umgang mit Standortdiensten abgehalten. Ziel ist es, die digitale Gewalt nicht nur zu erkennen, sondern strukturell zu kämpfen – durch Gesetzes‑ und Richtlinien‑initiativen, die den Schutz von Opfern in den Vordergrund stellen.

Der Weg zu einem technologie‑sensiblen Schutzraum ist lang, doch das Bewusstsein für die neuen Täterinstrumente wächst. Nur wenn alle Beteiligten – von Beschaffungsstellen über Rechtsexperten bis hin zu Entwickler*innen – die geschlechtsspezifischen Risiken im Blick behalten, kann digitale Gewalt wirksam eingedämmt werden.

Source: https://netzpolitik.org/2026/frauenhaeuser-ausklinken-darf-nicht-die-loesung-sein/

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