Warum Pornodarsteller*innen im Zentrum der Deepfake‑Debatte stehen
Die Aufnahmen von Sexarbeitenden bilden das Rückgrat der Künstlichen Intelligenz, wenn es um die Erstellung von sexualisierten Deepfakes geht. Ohne das von ihnen produzierte Bildmaterial könnten die Algorithmen keine glaubwürdigen Manipulationen erzeugen. Doch die Betroffenen erhalten weder eine vertragliche Einwilligung noch eine faire Vergütung für die missbräuchliche Nutzung ihrer Körperbilder.
Die doppelte Opferrolle
Wie Ana Ornelas, Policy Officer der European Sex Workers’ Rights Alliance, erklärt, sind Pornodarsteller*innen doppelt gefährdet. Erstens wird ihr Bildmaterial ohne Einverständnis in gefälschte Szenen eingefügt, wodurch ihr Persönlichkeitsrecht verletzt wird. Zweitens führt der unerlaubte Diebstahl von Inhalten zu unmittelbaren finanziellen Einbußen, weil die Originalwerke – häufig die Haupteinkommensquelle – untergraben werden.
Von der Niederlage zum Widerstand
In den letzten Monaten haben mehrere mediale Enthüllungen die Aufmerksamkeit auf digitale Gewalt gelenkt. Die Spiegel‑Recherche zu Collien Fernandes und die nachfolgenden Fälle von Klimaaktivistinnen zeigten, dass nicht‑einvernehmliche Bildmanipulationen ein breites Spektrum von Personen betreffen. Dennoch blieben die Stimmen der Sexualarbeiter*innen lange Zeit außen vor, obwohl ihr Material das Fundament für die problematischen Deepfakes bildet.
Strategien zur Selbstverteidigung
Ornelas arbeitet intensiv an politischen Initiativen, die europäischen Gesetzgeber dazu bewegen sollen, klare Alterskontrollen und strengere Strafnormen für die Erzeugung sexualisierter Deepfakes zu etablieren. Parallel dazu kooperiert sie mit AlgorithmWatch, um die Verbreitung von sogenannten Nudifier‑Apps zu untersuchen, die jede Aufnahme in ein vermeintlich nacktes Bild verwandeln können.
Ein weiterer Ansatz ist die Aufklärung innerhalb des eigenen Netzwerks: In Workshops werden Sexarbeiter*innen über neue Regulierungen informiert und erhalten Werkzeuge, um potenzielle Verstöße frühzeitig zu erkennen. Durch diese Maßnahmen soll das Bewusstsein für das Ausmaß der digitalen Ausbeutung geschärft und ein kollektiver Widerstand aufgebaut werden.
Ausblick: Rechtliche Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Verantwortung
Die Bundesregierung plant ein Gesetz, das das Erstellen von sexualisierten Deepfakes unter Strafe stellen soll. Kritiker befürchten jedoch, dass solche Regelungen zu vage formuliert sind und nicht gezielt den Missbrauch von pornografischem Trainingsmaterial adressieren. Ornelas fordert deshalb, dass die Stimme der Betroffenen stärker in den Gesetzgebungsprozess einbezogen wird, um sicherzustellen, dass sowohl die künstlerische Freiheit als auch die Rechte von Sexarbeiter*innen geschützt werden.
Nur wenn die Gesellschaft die strukturelle Ungleichheit anerkennt und die betroffenen Personen aktiv in die Diskussion einbindet, kann ein nachhaltiger Wandel erzielt werden. Die anhaltende Mobilisierung von Sexarbeiter*innen, NGOs und Forschungsinstituten zeigt, dass ein gemeinsames Vorgehen möglich ist – und dringend nötig.
Source: https://netzpolitik.org/2026/gemeinsam-kaempfen-das-sagen-pornodarstellerinnen-zur-deepfake-flut/