Einleitung

Jedes Frühjahr veröffentlicht das Bundeskriminalamt die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS). Viele Leser nehmen sie als exakte Spiegelung der Kriminalitätslage in Deutschland wahr und nutzen sie sogar für politische Debatten. Doch die PKS ist primär ein interner Arbeitsbericht der Polizeibehörden und sollte nicht unreflektiert als Faktenquelle gelten.

Was steckt hinter der PKS?

In der Statistik werden mutmaßliche Straftaten erfasst, die von Polizeibeamten an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet werden. Ob ein Verfahren endet, ob Anklage erhoben oder ein Verfahren eingestellt wird, bleibt in der PKS unsichtbar. Ebenso fehlt der Kontext, ob ein Anstieg bestimmter Delikte auf veränderte Ermittlungsstrategien, bessere Anzeigebereitschaft oder ein echtes Zunehmen der Kriminalität zurückzuführen ist.

Grenzen und Verzerrungen

Mutmaßliche Straftaten vs. Verurteilungen

Ein Faktencheck von Correctiv hat gezeigt, dass rund 60 % der eingeleiteten Ermittlungsverfahren eingestellt werden. Das bedeutet, dass die Mehrheit der in der PKS aufgeführten Fälle niemals zu einer gerichtlichen Verurteilung führt. Ohne diese Information kann die PKS leicht überhöhte Eindrücke vermitteln.

Einfluss von Bevölkerungswachstum

Die absolute Zahl der Tatverdächtigen steigt teilweise mit dem Wachstum der Gesamtbevölkerung. Der relevante Kennwert ist jedoch die „Tatverdächtigenbelastungszahl“, also der prozentuale Anteil der Bevölkerung, der als verdächtigt gilt. Correctiv hat ermittelt, dass dieser Anteil seit 2009 tatsächlich gesunken ist, obwohl die rohen Zahlen zeitweise zugenommen haben.

Rassismus und Stigmatisierung

Vorurteile gegenüber bestimmten Bevölkerungsgruppen können dazu führen, dass diese häufiger kontrolliert und angezeigt werden. Da die PKS keinerlei Angaben zum Migrationshintergrund enthält, werden solche Verzerrungen nicht transparent. Menschenrechtsorganisationen kritisieren deshalb, dass die Statistik zur Polarisierung beiträgt und marginalisierte Gruppen weiter stigmatisiert.

Beispiel: Sexualisierte Gewalt

Ein Bereich, in dem die Zahlen stark angestiegen sind, betrifft Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Hier spielen gesetzliche Erweiterungen, höhere Sensibilisierung und ein wachsendes Vertrauen in die Justiz eine Rolle – nicht unbedingt ein realer Anstieg der Tatfrequenz. Das Dunkelfeld bleibt jedoch riesig: Bei digitaler Gewalt werden etwa 97 % der Vorfälle nicht angezeigt.

Fazit

Die Polizeiliche Kriminalstatistik liefert wertvolle Hinweise für operative Planung, ist aber kein verlässlicher Indikator für die Gesamtsicherheit eines Landes. Ohne Einbezug von Justizdaten, demografischen Kontexten und kritischer Reflexion ihrer methodischen Schwächen kann sie leicht missbraucht werden. Leser sollten daher stets prüfen, welche Informationen fehlen, bevor sie daraus politische Schlüsse ziehen.

Source: https://netzpolitik.org/2026/polizeiliche-kriminalstatistik-mit-vorsicht-zu-geniessen/

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