Einführung

In den Jahren 2015‑2018 erlebte Europa einen rasanten Anstieg populistischer Parteien. Der Brexit, das Erstarken der AfD in Deutschland und der Aufstieg der PiS in Polen sind nur einige markante Beispiele. Während die öffentliche Debatte häufig Migration als Hauptursache nennt, liefert eine aktuelle Untersuchung der University of Cambridge ein völlig anderes Bild.

Finanzielle Unsicherheit als stärkster Prädiktor

Unter der Leitung von Soziologin Lorenza Antonucci wurden mehr als 75 000 Befragte aus zehn Ländern ausgewertet. Die Analyse ergab, dass persönliche Geldsorgen – etwa Schwierigkeiten, Rechnungen zu begleichen, oder das Fehlen finanzieller Rücklagen – die robusteste Vorhersage für die Wahl populistischer Parteien darstellen. In Deutschland, Frankreich und Schweden stieg die Wahrscheinlichkeit, für radikale Gruppierungen zu stimmen, um bis zu 20 % bei Menschen mit akuter Geldknappheit.

Unzufriedenheit am Arbeitsplatz

Ein zweiter, gleich bedeutender Faktor ist die Frustration im Job. Wer unter hoher Arbeitsbelastung, stagnierenden Löhnen oder mangelnder Mitbestimmung leidet, tendiert stärker zu populistischen Optionen. Laut der Studie führte diese Unzufriedenheit in mehreren großen europäischen Staaten zu einem Anstieg der Stimmen für populistische Kräfte um rund zwölf Prozent.

Geschlechtsspezifische Unterschiede

Die Untersuchung deckt zudem geschlechtsspezifische Muster auf. Männer reagieren besonders empfindlich auf Arbeitsplatzunsicherheit und Statusverlust. Bei starkem Unmut am Arbeitsplatz steigt die Wahrscheinlichkeit, rechtsradikale Parteien zu unterstützen, von 12 % auf 20 %. Frauen hingegen lassen sich stärker von direkten finanziellen Belastungen leiten; ihre Neigung, populistische Kandidaten zu wählen, wächst von 18 % auf 25 %, sobald Geldsorgen überhandnehmen.

Warum Migration trotzdem im Mittelpunkt steht

Obwohl Migration nicht die Hauptursache ist, wird das Thema häufig als bequemer Sündenbock genutzt. Wirtschaftliche Ängste und das Gefühl, den sozialen Aufstieg zu verlieren, lassen sich leicht auf externe Gruppen projizieren. Populisten greifen diese Dynamik auf, indem sie einfache Schuldzuweisungen und nationale Solidaritätsrufe formulieren.

Implikationen für die Politik

Die Autoren argumentieren, dass die traditionellen Parteien in den vergangenen Jahrzehnten zu stark auf Marktliberalisierung und flexible Arbeitsmodelle gesetzt haben, während soziale Sicherungsnetze vernachlässigt wurden. Dieser Rückgang der "Bestänsigkeitssicherheit" schuf ein Vakuum, das populistische Bewegungen exploitiert haben – sowohl links durch Umverteilung als auch rechts durch nationalistisches Vokabular.

Die Studie macht deutlich, dass die europäische Populismus‑Welle weniger ein Symptom ideologischer Radikalisierung ist, sondern vielmehr ein Echo alltäglicher ökonomischer Unsicherheit und beruflicher Perspektivlosigkeit.

Source: https://scientias.nl/de-twee-drijvende-krachten-achter-de-opmars-van-populisme-in-europa-en-daar-zit-migratie-niet-bij/

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