Einleitung
Die bevorstehende Börsennotierung von Anthropic sorgt für Aufsehen in der Tech‑Welt. Während die meisten Risikokapitalgeber (VCs) mit Milliarden‑Gewinnen rechnen, steht ein anderer Akteur im Rampenlicht: Amazon. Das E‑Commerce‑ und Cloud‑Imperium hat sich durch clevere Finanzierungsinstrumente in eine Position manövriert, die bei einem erfolgreichen IPO weitaus profitabler ist als die klassischen Beteiligungen von Venture‑Fonds.
VC‑Beteiligungen – klein, aber zahlreich
Unter den bekannten Investoren von Anthropic finden sich Menlo Ventures, Sequoia, Sound Ventures und Spark Capital. Laut dem S‑1‑Formular besitzen jedoch keine dieser Firmen einen Anteil von fünf Prozent – die Schwelle, ab der ein Investor in der Tabelle der Hauptaktionäre erscheint. In einer typischen Technologie‑IPO halten Lead‑Investoren zweistellige Prozentanteile, doch bei Anthropic ist das anders. Das Unternehmen wird mit einer privaten Bewertung von rund 965 Milliarden Dollar angegeben. Ein Prozent entspricht damit fast 10 Milliarden Dollar, sodass ein Investment von 14 Milliarden Dollar (wie bei Menlo) lediglich etwa 1,5 % des Unternehmens ausmacht.
Amazon – der stille Milliardär
Amazon setzte bereits 2023 mit einer Zusage von bis zu vier Milliarden Dollar den Grundstein für seine enge Partnerschaft mit Anthropic. Statt sofort Aktien zu erhalten, wählte das Unternehmen die Struktur von wandelbaren Schuldverschreibungen (Convertible Notes). Diese Noten wandeln sich bei einem Börsengang automatisch in Aktien um und ermöglichen es Amazon, später einen erheblich größeren Anteil zu besitzen, ohne die aktuelle Eigentümerstruktur zu verwässern.
Zum Stichtag 30. Juni 2026 belief sich der ausstehende Nennwert der Amazon‑Notes auf 6,2 Milliarden Dollar – das gesamte Fremdkapital von Anthropic. Durch die steigende Bewertung der Firma hat Amazon diese Noten bereits mit fast 98 Milliarden Dollar bewertet. Der daraus resultierende Buchwert‑Anpassungsaufwand von 72,4 Milliarden Dollar im ersten Halbjahr 2026 ist rein buchhalterisch und hat keinen Einfluss auf den Geldfluss.
Die Umwandlungspotenziale der Notes belaufen sich auf bis zu 1,84 Milliarden Aktien, wobei ein Deckel von 12 % des „partially diluted“ Aktienbestands gilt. Amazon kann diesen Deckel jedoch aufheben, wenn es die Bedingungen der Notes anpasst. Zusätzlich investierte das Unternehmen 10 Milliarden Dollar in nicht stimmberechtigte Vorzugsaktien und weitere 8 Milliarden Dollar in die Notes zwischen 2023 und 2025. Insgesamt beläuft sich Amazons Finanzspritze auf rund 18 Milliarden Dollar.
Mehr als nur Aktien – langfristige Cloud‑Einnahmen
Der finanzielle Nutzen für Amazon endet nicht mit der Umwandlung der Schuldverschreibungen. Anthropic hat sich verpflichtet, mindestens 110 Milliarden Dollar in den nächsten zehn Jahren für AWS‑Dienste auszugeben. Diese langfristige Cloud‑Verpflichtung sichert Amazon nicht nur einmalige IPO‑Gewinne, sondern auch kontinuierliche Einnahmen aus Infrastruktur‑ und Service‑Verträgen.
Google und andere Mitspieler
Auch Google hat von der Partnerschaft profitiert. Anfang des Vorjahres hielt das Unternehmen rund 14 % von Anthropic, wobei aktuelle Schätzungen von etwa 8 % ausgehen. Zusätzlich hat Google mindestens 114 Milliarden Dollar an Cloud‑Verpflichtungen bis 2033 zugesagt. Damit stehen die beiden Technologieriesen im direkten Wettbewerb um die lukrativsten KI‑Kunden.
Fazit
Während die VCs bei einem erfolgreichen Börsengang von Anthropic zweifellos Milliarden‑Gewinne einstreichen werden, bleibt Amazon der klare Hauptprofiteur. Durch die Kombination aus wandelbaren Schuldverschreibungen, nicht stimmberechtigtem Eigenkapital und massiven Cloud‑Verträgen hat das Unternehmen eine Position geschaffen, die bei einem IPO weitaus profitabler ist als die traditionellen Beteiligungen von Risikokapitalgebern.