Einführung
Eine aktuelle britische Studie hat gezeigt, dass das durchschnittliche Schritttempo im Alltag das Sterberisiko von Senioren fast genauso gut vorhersagen kann wie die klassische Gehgeschwindigkeit, die in klinischen Tests gemessen wird. Dabei wurden mehr als 4.000 Personen im Alter von rund 69 Jahren über fast ein Jahrzehnt hinweg beobachtet. Die Ergebnisse werfen ein neues Licht auf die Nutzung von Wearables im Gesundheitsmonitoring, gleichzeitig mahnt eine Expertin, dass die Befunde nicht als allgemeingültiger Rat für alle älteren Menschen verstanden werden dürfen.
Methodik der Untersuchung
Kurzer Labortest versus Alltagsmessung
Die Teilnehmenden absolvierten zunächst drei kurze Gehstrecken von je 2,44 Meter, wobei die durchschnittliche Geschwindigkeit bei etwa 1,2 Meter pro Sekunde lag. Anschließend trugen sie neun Tage lang einen Beschleunigungssensor am Handgelenk, der automatisch erkannte, wann sie gingen und wie viele Schritte pro Minute sie dabei machten. Der Mittelwert des täglichen Schritttempos betrug 75 Schritte pro Minute, während in den aktivsten Momenten Werte bis zu 112 Schritte pro Minute erreicht wurden.
Langzeitbeobachtung
Im Verlauf von fast zwölf Jahren starben 739 der untersuchten Personen. Die Analyse berücksichtigte neben dem Alter auch Faktoren wie Bildungsstand, Rauchgewohnheiten, Übergewicht, Blutdruck und chronische Erkrankungen. Sowohl die Labor‑Gehgeschwindigkeit als auch das im Alltag gemessene Schritttempo zeigten einen signifikanten Zusammenhang mit der Mortalität.
Ergebnisse im Detail
Ein Anstieg der Labor‑Gehgeschwindigkeit um 0,3 Meter pro Sekunde reduzierte das Sterberisiko um 23 Prozent. Parallel dazu senkte jede Steigerung um zehn Schritte pro Minute im täglichen Leben das Risiko um 17 Prozent. Interessanterweise korrelierten die beiden Messgrößen nur schwach miteinander, was darauf hindeutet, dass sie unterschiedliche Aspekte der körperlichen Leistungsfähigkeit erfassen.
Die Vorhersagekraft beider Methoden war nahezu identisch, jedoch erwies sich die klassische Gehgeschwindigkeit als zusätzlicher Prädiktor, wenn bereits bekannte Risikofaktoren in die Analyse einbezogen wurden. Das Schritttempo allein brachte keinen weiteren Nutzen über die etablierten Gesundheitsparameter hinaus.
Expert*innenmeinung
Marjolein Visser, Professorin für gesundes Altern an der Vrije Universiteit Amsterdam, betont, dass ein Handgelenks‑Tracker zwar praktisch, aber weniger exakt sei als ein Hüft‑ oder Fußsensor. Armbewegungen, die nicht mit dem Gehen zusammenhängen – etwa bei Parkinson‑Patienten – könnten fälschlicherweise als Schritte gezählt werden. Sie warnt daher davor, die Ergebnisse als universellen Rat für alle Senioren zu interpretieren.
Visser erklärt weiter, dass die Gehgeschwindigkeit bereits seit langem als zuverlässiger Indikator für Vitalität gilt. Sie sei schnell, kostengünstig und leicht in klinischen Settings anwendbar. Das kontinuierliche Monitoring mittels Wearables könne ergänzend wertvolle Einblicke liefern, sollte jedoch nicht die gründliche ärztliche Bewertung ersetzen.
Praktische Implikationen
Für Fachleute im Gesundheitswesen bedeutet die Studie, dass beide Messmethoden ihre Berechtigung haben. Der Labortest liefert eine sofortige, standardisierte Einschätzung, während ein Wearable das langfristige Bewegungsverhalten im natürlichen Umfeld erfasst. Kombiniert man beide Ansätze, könnte man ein umfassenderes Bild der physischen Verfassung älterer Menschen erhalten.
Allerdings bleibt die Schlussfolgerung, dass das reine Schritttempo allein nicht ausreicht, um individuelle Therapieentscheidungen zu treffen. Weitere Forschung ist nötig, um zu klären, wie sich unterschiedliche Sensorpositionen und Aktivitätsarten auf die Vorhersagegenauigkeit auswirken.
Insgesamt unterstreicht die Untersuchung die Bedeutung von Mobilität als Schlüsselparameter für die Gesundheit im höheren Lebensalter, warnt jedoch vor einer simplen Übertragung der Ergebnisse auf die gesamte ältere Bevölkerung.