Ein ungewöhnlicher Blick hinter die Kulissen der Pathologie
Der niederländische Pathologe Sjors Koppes, besser bekannt unter dem Social‑Media‑Handle @dr.pathologica, hat kürzlich in einem Video der Universität der Niederlande erklärt, was mit einem winzigen Gewebestück passiert, sobald es im Labor landet. Die Aufnahme löste eine Flut von Fragen aus – von der genauen Vorgehensweise bei Hautbiopsien bis hin zur wachsenden Bedeutung künstlicher Intelligenz (KI) in der Diagnostik. In einem Gespräch mit Scientias gibt Koppes tiefe Einblicke in sein Fachgebiet, seine Kommunikationsstrategie und die Herausforderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt.
Warum das Video so viel Resonanz erzeugte
Obwohl das Video bewusst ruhig und detailliert gestaltet war, bemerkte Koppes, dass viele Zuschauer die Geschwindigkeit seiner eigenen Kurzvideos gewohnt sind und die gemächliche Erklärung zunächst als zu langsam empfanden. Gleichzeitig führte die institutionelle Atmosphäre der Universität zu einer gewissen Distanz, während persönliche Erfahrungsberichte seiner Follower – etwa über Väter mit ähnlichen Erkrankungen – eine intensivere emotionale Bindung erzeugten. Die Reaktionen reichten von neugierigen Fragen bis hin zu überraschenden Begegnungen im Krankenhaus, wenn Zuschauer nach den vorgestellten Kolleg*innen suchten.
Die Kunst der Gewebeschnitte: Was passiert im Labor?
Ein zentrales Thema war die Frage, ob bei einer Hautbiopsie auch die oberste Hautschicht betrachtet wird. Koppes erklärte, dass das Gewebe in einer Querschnitts‑Präparation geschnitten wird, sodass Epidermis, Dermis und Subcutis gleichzeitig sichtbar sind. Bei sehr kleinen Proben kann die Orientierung jedoch schwierig sein, sodass manchmal nur die Ober‑ oder Unterseite erkennbar ist. Bei Haarerkrankungen wird bewusst ein zweifacher Ansatz gewählt: ein Querschnitt und ein Längsschnitt, um die komplexen Strukturen besser zu erfassen. Hierfür gibt es sogar einen spezialisierten Pathologen, der sich ausschließlich mit Haardiagnostik beschäftigt – ein Feld, das Koppes als „stillschweigend schwer“ bezeichnet.
Künstliche Intelligenz: Fluch oder Segen?
Auf die unvermeidliche Frage nach KI reagierte Koppes mit einer nüchternen Analyse. Bildbasierte Diagnostik ist das Herzstück der Pathologie, und KI‑Algorithmen können bereits heute Muster erkennen, die menschlichen Augen entgehen. Dennoch gibt es erhebliche Hürden: Die enormen Datenmengen (ein einzelnes Bild kann drei Gigabyte groß sein, und täglich entstehen rund 400 solcher Aufnahmen) erfordern teure Rechenleistung. Juristische Unsicherheiten – wer haftet, wenn die KI eine falsche Diagnose stellt? – und das Risiko einer „Entmündigung“ des Lernprozesses für angehende Pathologen sind weitere Stolpersteine. Koppes veranschaulicht das mit dem Beispiel, dass KI bei der Unterscheidung von Hunden und Katzen häufig auf den Hintergrund (Gras vs. Innenräume) schaut, anstatt das Tier selbst zu analysieren. Ähnlich könnte KI bei Krebserkennung subtile, für Menschen unsichtbare Merkmale nutzen, ohne dass wir die Entscheidungsgrundlage nachvollziehen können.
Ausblick: Mehr Bedarf, nicht weniger Fachkräfte
Trotz der Fortschritte in der Automatisierung betont Koppes, dass der Beruf des Pathologen nicht vom Aussterben bedroht ist. Im Gegenteil: Der Fachkräftemangel im Laborbereich steigt, und KI wird eher als unterstützendes Werkzeug denn als Ersatz gesehen. Was die Nachverfolgung von Patient*innen angeht, gibt es regelmäßige Besprechungen, bei denen die Ergebnisse mit den behandelnden Ärzt*innen diskutiert werden – ein Prozess, der den menschlichen Faktor im Zentrum hält.