Einleitung
Viele Erwachsene gehen davon aus, dass Kinder in ihrer Vorstellung freier und damit kreativer denken als Erwachsene. Diese Annahme ist weit verbreitet – fast acht von zehn Befragten glauben, dass die kindliche Kreativität die der Erwachsenen übertrifft. Eine aktuelle österreichische Studie stellt diese populäre Meinung jedoch in Frage.
Methodik
Psychologen der Universität Graz untersuchten 92 Kindergartenkinder im Alter von knapp sechs Jahren und 70 junge Erwachsene im Durchschnittsalter von 25 Jahren. Alle Teilnehmenden erhielten drei identische Aufgaben: zunächst sollten sie innerhalb von drei Minuten möglichst viele originelle Verwendungszwecke für ein leeres Konservenglas nennen. Anschließend sollten sie zwei Zeichnungen anfertigen – eine freie Skizze ohne Zeitdruck und eine zweite, bei der sie innerhalb von acht Minuten ein völlig fiktives Fantasietier erschufen.
Fünf erfahrene Gutachter bewerteten die eingereichten Ideen und 324 Zeichnungen anonym. Dabei wurden Originalität, Nützlichkeit und Gesamtcreativität herangezogen – ein bewährtes Verfahren zur Messung kreativer Leistungen.
Ergebnisse
Entgegen der weit verbreiteten Erwartung zeigten die Daten, dass die Kindergartenkinder nicht kreativer waren als die erwachsenen Probanden. Die Erwachsenen erzielten in den meisten Bewertungskriterien höhere Punktzahlen. Dennoch schnitten die Kinder in Bereichen wie Selbstvertrauen, Motivation und Spaß an den Aufgaben deutlich besser ab.
Expertenmeinungen
Kim van Broekhoven (Erasmus Universität Rotterdam)
Sie betont, dass die Studie valide Messinstrumente nutze und damit einen soliden Vergleich ermögliche, obwohl sie selbst nicht am Projekt beteiligt war.
Evelyn Kroesbergen (Radboud Universität)
Sie weist darauf hin, dass die geringere Lebenserfahrung der Kinder deren Einschätzung von Neuheit beeinflusst. Ein Kind könnte eine Idee als völlig neu empfinden, während ein Erwachsener sie bereits kennt und deshalb niedriger bewertet wird.
Claire Stevenson (Universität Amsterdam)
Sie kritisiert, dass die Aufgaben mehr Vorwissen und motorische Fähigkeiten erforderten, als ein durchschnittlicher Kindergartenkind besitzen kann, und hält die Vergleichbarkeit daher für fragwürdig.
Fazit
Die Untersuchung liefert den ersten systematischen Vergleich zwischen kindlicher und erwachsener Kreativität und zeigt, dass Kinder nicht automatisch kreativer sind als Erwachsene. Stattdessen glänzen sie durch höhere Motivation und Freude am kreativen Prozess. Die Ergebnisse regen dazu an, die Messmethoden weiter zu verfeinern und Aufgaben zu entwickeln, die den unterschiedlichen Erfahrungsständen gerechter werden.
Source: https://scientias.nl/zijn-kinderen-echt-creatiever-dan-volwassenen/