Einleitung
Am vergangenen Freitag verlieh der Verein Digitalcourage in Bielefeld die diesjährigen Big Brother Awards 2026 – die inoffiziellen Oscars gegen Überwachung. Unter den Preisträgern befanden sich nicht nur staatliche Institutionen, sondern auch zwei bekannte Optiker‑Ketten: Fielmann und Apollo Optik. Beide Unternehmen wurden für den Vertrieb der umstrittenen Meta Smart Glasses mit dem Negativpreis ausgezeichnet.
Warum die Smart‑Brillen kritisiert werden
Die Meta Smart Glasses, umgangssprachlich auch als „Spionagebrille“ bezeichnet, ermöglichen das unauffällige Aufzeichnen von Bild‑ und Tonmaterial. Laut Laudatorin Elisabeth Niekrenz normalisieren solche Geräte die totale Überwachung des Alltags. In der Praxis haben sich bereits zahlreiche Fälle gezeigt, in denen die Brillen zur Verletzung der Privatsphäre, insbesondere von Frauen, missbraucht wurden. Pick‑Up‑Artists nutzen die Aufnahmen, um Telefonnummern zu erlangen und die Videos anschließend in sozialen Netzwerken zu verbreiten. Auch in Fitnessstudios oder Schwimmbädern wurden Frauen heimlich gefilmt, was zu einer sexualisierten Ausbeutung führt.
Studien und internationale Vorfälle
Eine australische Untersuchung belegt, dass Täter, die mit Smart Glasses filmen, eher zu körperlichen Übergriffen neigen als solche, die herkömmliche Handykameras einsetzen. Darüber hinaus gibt es Berichte aus Kenia, wo Mitarbeitende des US‑Konzerns Meta Aufnahmen sichten und für das Training von Künstlicher Intelligenz aufbereiten sollen – darunter intime Szenen aus Toiletten und private Nachrichten. Unklar bleibt, wie Meta die gesammelten Daten weiterverwendet.
Die Rolle von Fielmann und Apollo Optik
Fielmann und Apollo Optik nutzen ihre marktführende Position, um die Smart Glasses flächendeckend zu vertreiben. Auf den jeweiligen Websites werden die Brillen als stylische Statement‑Pieces bzw. als „ikonisch“ beworben. Durch die Einbindung in das reguläre Sortiment der Optiker werden die Geräte für ein breites Publikum zugänglich – sie sind nicht mehr nur ein Nischenprodukt für Technikenthusiasten, sondern können in jeder deutschen Fußgängerzone anprobiert werden.
Verantwortung und Kritik
Elisabeth Niekrenz kritisiert, dass beide Unternehmen durch den Verkauf der sogenannten Stalkerware „mitschuldig“ an der Normalisierung der Überwachung seien. Der Big Brother Award soll ein deutliches Signal senden, dass der kommerzielle Vertrieb von Technologien, die das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung aushöhlen, nicht toleriert wird.
Weitere Preisträger und deren Bedeutung
Die Deutsche Telekom erhielt den Preis in der Kategorie „präventiv“, weil das Unternehmen mit seiner US‑Tochter T‑Mobile eine Fusion plant, die deutsche Kommunikation künftig US‑Überwachungsgesetzen unterwerfen könnte. Die EU‑Kommission wurde für ihr Digitales Omnibus kritisiert, das Datenschutzregeln lockern soll. Das Bundesinnenministerium erhielt den Preis für die geplante Einführung einer universellen Personenkennzahl, die Behörden die Verknüpfung personenbezogener Daten erleichtern würde. Auch die Evangelische Nordkirche wurde ausgezeichnet, weil sie ihre Gemeinden zur Nutzung von Microsoft‑Diensten zwingt und damit sensible Mitgliedsdaten preisgibt.
Fazit
Die Verleihung der Big Brother Awards an Fielmann und Apollo Optik macht deutlich, dass der Verkauf von Überwachungstechnologien nicht nur ein technisches, sondern ein gesellschaftliches Problem darstellt. Während die Unternehmen die Brillen als Mode‑Accessoire vermarkten, zeigen die zahlreichen Missbrauchsfälle, dass solche Geräte das Potenzial haben, die Privatsphäre massiv zu gefährden. Der Preis soll als Mahnung dienen, dass Unternehmen, Behörden und Gesetzgeber stärker Verantwortung übernehmen müssen, um die digitale Grundrechte der Bürger zu schützen.