Einführung
Ein aktuelles Forschungsprojekt der Radboud Universiteit hat fast 8.000 Grundschüler aus den Niederlanden über drei Schuljahre hinweg beobachtet. Dabei wurde untersucht, welchen Einfluss ein adaptives Rechenprogramm, das auf Tablets läuft, auf die Lernentwicklung hat. Die Ergebnisse zeigen, dass Kinder, die mit der Software Snappet arbeiten, im Durchschnitt ein leichtes Lernplus erzielen – ein Unterschied, der zwar klein und statistisch nicht signifikant ist, jedoch besonders an großen Schulen und an Einrichtungen mit vielen Kindern aus bildungsfernen Haushalten auffällt.
Wie adaptive Lernsoftware funktioniert
Snappet orientiert sich an einem Prinzip, das ursprünglich aus dem Schachrating von Arpad Elo stammt. Nach jeder gelösten Aufgabe schätzt das System erneut das aktuelle Leistungsniveau des Schülers ein und wählt anschließend eine neue Aufgabe, die mit etwa 75 %iger Wahrscheinlichkeit korrekt beantwortet werden kann. Ein richtiger Treffer führt zu einer etwas schwierigeren Aufgabe, ein Fehlversuch zu einer leichteren. Lehrkräfte erhalten die Fortschritte ihrer Klassen über ein übersichtliches Dashboard, können aber weiterhin den Unterricht selbst planen.
Studienaufbau und Datenerhebung
Die Untersuchung erstreckte sich von 2014 bis 2017, einer Phase, in der adaptive Lernprogramme noch relativ neu waren. Von den 56 teilnehmenden Schulen setzten einige sofort auf Snappet, andere wechselten später, während ein Teil komplett darauf verzichtete. Mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler nutzte das Programm regelmäßig. Ihr Rechenniveau wurde anhand der Cito‑Rekentoetsen von Ende Gruppe 3 bis Ende Gruppe 6 dokumentiert.
Ergebnisse im Überblick
Alle Kinder verbesserten ihre Rechenfähigkeiten, wobei das Wachstum in den höheren Klassenstufen etwas langsamer verlief. Die Gruppe, die mit Snappet lernte, wies ein geringfügig schnelleres Lerntempo auf, jedoch war der Unterschied statistisch nicht bedeutsam. Auf Schulebene lassen sich jedoch klarere Muster erkennen: An großen Schulen ohne Snappet starteten die Lernenden mit einem niedrigeren Ausgangsniveau und erlebten später einen stärkeren Rückgang des Fortschritts. Mit Snappet blieben die Entwicklungen an großen und kleinen Schulen nahezu identisch.
Besonders auffällig war, dass an Schulen mit vielen Kindern aus Familien, deren Eltern nur eine Grundschulausbildung besitzen, die Lernenden ebenfalls mit einem niedrigeren Ausgangsniveau begannen. Dort ermöglichte die adaptive Software jedoch ein etwas stärkeres Wachstum im Vergleich zu Schulen, die das Programm nicht einsetzten.
Interpretation und Grenzen der Studie
Die Forscher betonen, dass es sich um eine Beobachtungsstudie handelt. Schulen entschieden eigenständig, ob und wann sie das System einführten, sodass weitere, nicht erfasste Faktoren das Ergebnis beeinflusst haben könnten. Die Ergebnisse zeigen daher eher Zusammenhänge als einen eindeutigen Kausaleffekt. Auch Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen sowie zwischen Kindern mit unterschiedlichem elterlichen Bildungsgrad blieben bestehen, unabhängig vom Einsatz der Software.
Fazit: Unterstützung, keine Ersatzlösung
Adaptives Üben ist seit rund 15 Jahren an mehr als der Hälfte der niederländischen Grundschulen im Einsatz. Die vorliegenden Daten legen nahe, dass die Technologie das Lernen nicht behindert und in bestimmten Kontexten leichte Vorteile bieten kann. Dennoch bleibt die Lehrkraft das zentrale Element: Sie gestaltet den Unterricht, nutzt die Daten als Hilfsmittel und sorgt dafür, dass die digitale Unterstützung sinnvoll in den Lernalltag integriert wird.