Einleitung
Wer von Natur aus eher abends aktiv ist, steht häufig vor dem Problem, dass das eigene Wohlbefinden nicht mit den Anforderungen des Arbeitsmarktes harmoniert. Eine umfangreiche finnische Langzeitstudie hat gezeigt, dass Menschen mit einem späten Chronotyp – den sogenannten Nachteulen – ein signifikant höheres Risiko haben, vorzeitig arbeitsunfähig zu werden. Die Ergebnisse werfen ein Schlaglicht auf die zentrale Rolle von Schlafqualität und körperlicher Verfassung im Berufsleben.
Finnische Langzeitstudie
Forscher der Universität Oulu beobachteten fast 5.700 Personen, die 1966 im Norden Finnlands geboren wurden. Im Jahr 2012, im Alter von 46 Jahren, beantworteten die Teilnehmenden einen kurzen Fragebogen zu ihrem morgendlichen Aufstehen und ihrer Tagesleistung. Anhand dieser Angaben wurden sie in Morgenmenschen, Abendmenschen oder dazwischenliegende Typen eingeteilt – das sogenannte Chronotyp.
Etwa ein Zehntel der Männer und ein Achter der Frauen identifizierten sich eindeutig als Nachteulen. Anschließend prüften die Wissenschaftler staatliche Register, um festzustellen, wer bis Ende 2023 eine Erwerbsminderungsrente bezog. In Finnland wird diese Leistung erst gewährt, wenn mindestens 40 % der Arbeitsfähigkeit verloren gegangen sind.
Gesundheit als Schlüsselfaktor
Die Zahlen sprechen für sich: Bei den Morgenmenschen lag die Invaliditätsrate bei Männern bei 5 % und bei Frauen bei rund 7 %. Bei den Nachteulen stieg das Risiko auf über 8 % bei Männern und 12 % bei Frauen – ein Anstieg von etwa 1,7‑fach. Interessanterweise konnten Unterschiede in Bildung, Einkommen oder Beruf das Ergebnis nicht erklären. Stattdessen zeigte sich, dass die Gesundheit der entscheidende Vermittler war.
Nachteulen schliefen schlechter und bewegten sich weniger. Fast die Hälfte der männlichen Probanden bewertete ihre eigene Gesundheit mit 46 Jahren bereits als unzureichend. Sobald die Analysen die gesundheitlichen Selbstangaben berücksichtigten, schrumpfte der Unterschied zwischen den Chronotypen merklich. Auch lange Arbeitszeiten und Nachtschichten schwächten den Zusammenhang weiter.
Schlaf als Gesundheitsbrücke
Schlafexperte Johan Verbraecken betont, dass die Gesellschaft früh startet, wodurch Abendmenschen häufig zu wenig Schlaf bekommen. Schlafdefizite stehen in direktem Zusammenhang mit Herz‑ und Gefäßerkrankungen, Diabetes und Adipositas – alles Faktoren, die das Risiko für Arbeitsunfähigkeit erhöhen.
Unterschied zwischen echter Nachteule und spätem Zubettgehen
Chronobiologin Marijke Gordijn unterscheidet zwischen einem wahren Nachttyp, der biologisch ein verlängertes inneres Rhythmusintervall besitzt, und Personen, die lediglich aus Gewohnheit spät ins Bett gehen. Letztere passen ihr Schlafmuster an freien Tagen flexibel an, während echte Nachteulen Schwierigkeiten haben, früh einzuschlafen, selbst wenn sie es versuchen.
Der biologische Rhythmus beeinflusst nicht nur den Schlaf, sondern auch das Aufwachen, die Nahrungsaufnahme und die allgemeine Leistungsfähigkeit. Ein unausgeglichenes System führt dazu, dass der Körper „nie vorbereitet ist auf das, was kommt“ – ein Zitat, das die Dringlichkeit einer angepassten Schlafhygiene unterstreicht.
Praktische Tipps für Betroffene und Arbeitgeber
Gordijn empfiehlt, das Schlafmuster an Arbeitstagen höchstens um eine Stunde von dem an freien Tagen abzuweichen. Morgendliches Tageslicht, idealerweise ein halbes bis eine Stunde im Freien, unterstützt die innere Uhr. Innenräume sollten gut beleuchtet sein, während abends das Licht gedimmt wird, um das Einschlafen zu erleichtern. Bildschirme sollten mindestens drei Stunden vor dem Zubettgehen vermieden werden.
Arbeitgeber können ebenfalls unterstützen, indem sie flexible Schichtpläne anbieten, die den natürlichen Chronotypen ihrer Mitarbeitenden Rechnung tragen. So lässt sich das Risiko von vorzeitiger Arbeitsunfähigkeit reduzieren und die Produktivität langfristig sichern.