Einleitung

Eine aktuelle Auswertung einer groß angelegten Aspirinstudie legt nahe, dass eine niedrige tägliche Dosis von 100 mg Aspirin das Risiko für Demenz signifikant senken kann – jedoch nur bei einer spezifischen Untergruppe von Senioren, die genetisch bedingt viele Blutplättchen (Thrombozyten) produzieren. Die Erkenntnisse werfen ein neues Licht auf die komplexe Beziehung zwischen Blutgerinnung, Hirn‑Degeneration und medikamentöser Prävention.

Hintergrund der Studie

Ursprünglich wurden rund 19 000 gesunde ältere Menschen aus Australien und den USA in einer randomisierten, placebokontrollierten Langzeitstudie beobachtet. Die Teilnehmenden erhielten entweder täglich 100 mg Aspirin oder ein Placebo, und über mehrere Jahre hinweg wurde das Auftreten von Demenz erfasst. Die Gesamtauswertung zeigte keinen statistisch signifikanten Unterschied zwischen den beiden Gruppen, sodass die Annahme, Aspirin verhindere Demenz, zunächst verworfen wurde.

Genetische Durchleuchtung

Ein Forscherteam der Monash University entschied sich, die vorhandenen Daten tiefer zu analysieren. Das Genom von etwa 13 500 Probanden war bereits sequenziert, sodass die Wissenschaftler polygene Scores – also aggregierte Risikobewertungen, die aus Tausenden einzelner DNA‑Varianten berechnet werden – erstellen konnten. Über 5 000 verschiedene Scores wurden getestet, um mögliche Wechselwirkungen zwischen Aspirin und genetischen Prädispositionen zu identifizieren.

Der entscheidende Score: Thrombozyten‑Anzahl

Unter den vielen Scores fiel eine besonders ins Auge: ein Polygener Score, der die natürliche Thrombozyten‑Produktionsrate einer Person widerspiegelt. Personen im obersten Quintil dieses Scores, also die 20 % mit der höchsten genetisch bedingten Thrombozytenzahl, profitierten deutlich von der Aspirin‑Therapie. In dieser Gruppe entwickelte nur 1 % der Aspirin‑Nutzer Demenz, während in der Placebo‑Gruppe 3,3 % betroffen waren – ein relativer Rückgang von rund 70 %.

Risiken und klinische Implikationen

Der Nutzen muss jedoch gegen die Nebenwirkungen abgewogen werden. In derselben Hochrisikogruppe traten bei Aspirin‑Patienten 4,4 % schwere Blutungen auf, verglichen mit 2,1 % bei den Placebo‑Empfängern. Das entspricht einem absoluten Anstieg von etwa 2 % für lebensbedrohliche Blutungen, etwa im Magen‑ oder Hirn‑Bereich. Diese Doppelbelastung – weniger Demenz, aber mehr potenziell tödliche Blutungen – macht eine pauschale Verordnung von Aspirin zur Demenzprävention problematisch.

Auswirkungen auf die Praxis

Fachärzte betonen, dass die Ergebnisse derzeit noch keine Änderung der Verschreibungspraxis rechtfertigen. Für Patienten, die Aspirin bereits aus kardiovaskulären Gründen einnehmen, bleibt das Risiko‑Nutzen‑Verhältnis unverändert. Für gesunde Senioren ohne andere Indikationen ist ein genereller Einsatz von Aspirin zur Demenzprophylaxe nicht empfehlenswert, solange keine weiterführenden Studien die Sicherheit und Wirksamkeit in dieser spezifischen genetischen Subpopulation bestätigen.

Fazit

Die Analyse verdeutlicht, dass die Wirkung von Medikamenten stark von individuellen genetischen Profilen abhängen kann. Während Aspirin bei Menschen mit einer hohen genetisch bedingten Thrombozytenzahl das Demenzrisiko merklich reduzieren könnte, erhöht es gleichzeitig das Risiko für schwere Blutungen. Zukünftige Forschung muss klären, ob gezielte genetische Tests vor einer Aspirin‑Therapie sinnvoll sind und wie man die Balance zwischen kognitivem Schutz und hämatologischer Sicherheit optimal gestaltet.

Source: https://scientias.nl/werkt-aspirine-tegen-dementie-misschien-bij-mensen-met-deze-genen-maar-er-is-een-keerzijde/

Related Articles