Einleitung
Menschen, die sich um schwerkranke Angehörige kümmern, übernehmen oft die komplette Organisation von Arztterminen, den Haushalt und die emotionale Unterstützung. Trotz dieser enormen Verantwortung vernachlässigen sie häufig ihre eigene psychische Stabilität. Eine umfassende Metaanalyse, die Daten von über 80.000 Pflegekräften aus Nordamerika, Australien, Großbritannien und weiteren europäischen Ländern zusammenfasst, macht das Ausmaß dieses Problems deutlich.
Ergebnisse der 20‑jährigen Analyse
Bedarf vs. Inanspruchnahme
Rund ein Drittel der befragten Pflegekräfte äußerte den Wunsch nach professioneller Beratung, doch nur etwa ein Sechstel erhielt tatsächlich Hilfe. Ähnlich verhielt es sich bei der Nachfrage nach sozialarbeiterischer Unterstützung: 18 % wünschten sich diese, jedoch gelangten lediglich 9 % zu den entsprechenden Angeboten. Auch staatliche Programme wurden von 40 % der Befragten als interessant bewertet, während lediglich ein Zehntel sie nutzte.
Wer profitiert am wenigsten
Erstaunlicherweise erhalten jene Pflegekräfte, die die schwersten Fälle betreuen – etwa Krebspatienten oder Menschen mit Herzinsuffizienz – am wenigsten Unterstützung. Wer Hilfe suchte, war häufig jünger, weiblich und akademisch gebildet. Der entscheidende Faktor für die Inanspruchnahme war das aktive Anbieten von Hilfe durch behandelnde Ärzt*innen, das jedoch in der Praxis selten vorkommt.
Ursachen für die Unterversorgung
Psychologische Barrieren
Viele Pflegekräfte vergleichen ihre eigene Belastung ständig mit der des Patienten und schmälern dadurch ihre eigenen Bedürfnisse. Schuldgefühle, das Stigma psychischer Erkrankungen und das Unvermögen, das eigene Label „Pflegekraft“ zu akzeptieren, verhindern häufig das Suchen nach Unterstützung.
Mangelnde Identifikation
Ein erheblicher Teil der Befragten erkennt sich selbst nicht als Pflegekraft, weil die gesellschaftliche Vorstellung von „rund um die Uhr“ Betreuung nicht mit ihren alltäglichen Aufgaben übereinstimmt. Diese fehlende Selbstidentifikation führt dazu, dass sie Angebote, die speziell für Pflegekräfte konzipiert sind, übersehen.
Empfehlungen und Ausblick
Die Forscher fordern ein systematisches Screening von Pflegekräften auf Stress und psychische Belastungen sowie klare Weiterleitungswege zu evidenzbasierten Unterstützungsprogrammen. Durch proaktive Ansprache seitens Ärzt*innen und die Integration von psychologischen Diensten in die reguläre Versorgung könnte die Kluft zwischen Bedarf und tatsächlicher Nutzung deutlich reduziert werden. Langfristig würde ein solcher Ansatz nicht nur das Wohlbefinden der Pflegekräfte stärken, sondern auch die Qualität der Betreuung chronisch Kranker nachhaltig verbessern.
Source: https://scientias.nl/twintig-jaar-onderzoek-laat-zien-mantelzorgers-verwaarlozen-zichzelf-enorm/