Ein ungewöhnlicher Jäger im trüben Amazonas

Die Surinam-Frosch (Pipa pipa) wirkt auf den ersten Blick wenig beeindruckend. Mit ihrer flachen Gestalt, winzigen Augen und dem Leben im schlammigen, lichtarmen Wasser der Amazonas‑ und Orinoco‑Region scheint sie kaum ein Raubtier zu sein. Doch neueste Forschungsergebnisse der University of California, Los Angeles (UCLA) zeigen, dass dieses Amphibium über ein hochentwickeltes Tastorgan verfügt, das es ihm ermöglicht, blitzschnell kleine Fische zu erhaschen – und das, obwohl es praktisch blind ist.

Die Rolle der sternförmigen Fingertippen

Jede Vordergliedmaße endet in vier kleinen, sternförmig angeordneten Lappen. Unter dem Mikroskop offenbaren diese Lappen winzige, kuppelförmige Papillen, die den Tastbereich stark vergrößern. Die Forscher stellten fest, dass diese Strukturen ähnlich empfindlich sind wie menschliche Fingerspitzen. Durch feine Druckveränderungen im Wasser, die von vorbeischwimmenden Fischen erzeugt werden, können die Papillen die Strömungen wahrnehmen, noch bevor das Beutetier die Haut berührt.

Wie die Jagd abläuft

Der Frosch liegt regungslos am Grund, breitet seine Vorderfüße aus und wartet. Sobald ein Fisch in einem Abstand von etwa fünf Millimetern an die Fingertippen heranrückt, löst ein sofortiger Saugreflex das Öffnen des Mauls aus. In wenigen Hundertstelsekunden wird das Wasser mit seiner Beute eingesogen. Dieser Vorgang ist so schnell, dass er mit Hochgeschwindigkeitskameras (1.000 Bilder pro Sekunde) sichtbar gemacht werden musste.

Experimente ohne Sehsinn und Seitenlinienorgan

Um die Bedeutung des Sehvermögens zu prüfen, wurden die Tiere unter verschiedenen Lichtbedingungen getestet – von normalem Licht über Infrarot bis hin zu völliger Dunkelheit. Zusätzlich wurde das seitliche Seitenlinienorgan, das normalerweise Druckunterschiede im Wasser registriert, temporär deaktiviert. Selbst unter diesen erschwerten Bedingungen gelang es den Fröschen in über 70 % der Versuche, die Beute zu erfassen, was die zentrale Rolle der Tastfinger unterstreicht.

Neurologische Verarbeitung

Elektrophysiologische Messungen zeigten, dass die Nervenenden in den Papillen nicht nur auf direkten Kontakt, sondern auch auf subtile Strömungsänderungen reagieren. Das Gehirn des Frosches verarbeitet diese Signale in Echtzeit und löst den Saugreflex aus, sobald die kritische Distanz erreicht ist. Damit wird ein faszinierendes Bild einer sensorischen Integration gezeichnet, bei der taktile und hydrodynamische Informationen die Jagd steuern.

Evolutionäre Bedeutung

Die Entdeckung wirft ein neues Licht auf die Anpassungsfähigkeit von Amphibien an extrem trübe Lebensräume. Während viele Wasserbewohner auf das Seitenlinienorgan oder das Sehvermögen setzen, hat die Surinam-Frosch ein alternatives System entwickelt, das ihr Überleben in lichtarmen Gewässern sichert. Diese Erkenntnisse könnten auch für die Entwicklung von Unterwasser‑Roboter‑Sensoren von Interesse sein, die ähnlich wie die Froschfinger auf Druckwellen reagieren.

Source: https://scientias.nl/surinaamse-pad-blijkt-met-zijn-vingertoppen-op-vissen-te-jagen/