Hintergrund der Messenger-Überwachung

Ein kürzlich veröffentlichtes Dokument des Zollkriminalamts zeigt, dass deutsche Behörden zunehmend auf die Web‑Clients von Messengern zurückgreifen, um Kommunikation zu lesen – und das ganz ohne den Einsatz von Staatstrojanern. Während früher vor allem klassische Überwachungssoftware zum Einsatz kam, ermöglicht heute die einfache Einrichtung eines zweiten Zugangs über WhatsApp Web, Telegram‑Web oder die Desktop‑Version von Signal, dass Ermittler dauerhaft in die Nachrichtenflut von Verdächtigen einsteigen können.

Methoden ohne Staatstrojaner

Der Zoll beschreibt die Vorgehensweise als „Aufzeichnung ausgetauschter Daten, ohne das IT‑System zu infiltrieren“. Dabei wird ein QR‑Code, den die betroffene Person in ihrer App scannt, von den Ermittlern ausgelesen und auf einem Polizeirechner hinterlegt. Sobald der Code akzeptiert ist, erhalten die Behörden nicht nur Leserechte, sondern können auch Nachrichten verfassen und das gesamte Chat‑Archiv abrufen. Dieser Zugriff bleibt bestehen, solange das zweite Gerät aktiv ist – ein Umstand, der in der Praxis häufig übersehen wird.

Phishing‑Angriffe als Zugang

Ein weiterer Trick besteht darin, den Bestätigungscode, den Messenger‑Apps für die Anmeldung eines neuen Geräts senden, per Phishing zu ergaunern. Cyberakteure, die vermutlich staatlich unterstützt werden, verschicken gefälschte Nachrichten, die den Empfänger dazu verleiten, den Code preiszugeben. Das Bundesamt für Verfassungsschutz und das BSI haben bereits vor Angriffen auf Signal‑Konten gewarnt. Sobald der Code in den Händen der Behörden ist, kann das zweite Gerät ohne weiteres eingerichtet werden.

Angriff über das Gerät selbst

In manchen Fällen haben Ermittler physischen Zugriff auf das Smartphone der Zielperson. Ein Beispiel aus dem Jahr 2020 illustriert, wie Polizisten im Rahmen einer Vernehmung das Mobiltelefon eines Ehepaars kurzzeitig übernehmen, um die WhatsApp‑Nachrichten der Tochter zu fotografieren. Der Zugriff wurde jedoch nicht nach der Befragung beendet, sondern weiter genutzt, um dauerhaft über WhatsApp Web die Kommunikation zu überwachen.

Rechtliche Grauzone und Kritik

Ein Professor für IT‑Strafrecht bezeichnet diese Praxis als rechtswidrig, weil sie die gesetzlichen Befugnisse der Polizei überschreitet. Das permanente Lesen und Schreiben von Nachrichten, das Anlegen eines Archivs sowie die Täuschung der Betroffenen verstoßen gegen Grundsätze des Datenschutzes und der Verhältnismäßigkeit. Trotz dieser Bedenken hat das Zollkriminalamt die Methode seit Ende 2023 in einem Modellversuch erprobt und seit August 2025 dauerhaft eingeführt – angeblich mit erheblichen Erfolgen im Kampf gegen organisierte Kriminalität.

Die Diskussion um die Legitimität dieser Überwachungsform bleibt offen. Während die Behörden argumentieren, dass sie damit schwerwiegende Straftaten aufklären können, warnen Datenschützer und Rechtsexperten vor einem gefährlichen Präzedenzfall, der die digitale Privatsphäre nachhaltig untergraben könnte.

Source: https://netzpolitik.org/2026/messenger-ueberwachung-immer-mehr-polizei-ueberwacht-messenger-wie-whatsapp/

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