Ein neuer Blick auf das VC‑Game
In seinem allerersten Investorenbrief wirft Joshua Kushner, Gründer von Thrive Capital, einen kritischen Blick auf die aktuelle Stimmung in der kalifornischen Risikokapital‑Szene. Während die meisten Westküsten‑Firmen von einer regelrechten KI‑Euphorie getrieben werden, warnt Kushner davor, dass übermäßige Begeisterung die notwendige Investment‑Disziplin untergraben kann.
Die Gefahr der Hyper‑Incrementalität
„Es ist schwer, das Ausmaß der Chance zu überschätzen“, schreibt Kushner in dem an Bloomberg geleakten Schreiben. Gleichzeitig betont er, dass die Branche zu sehr auf kleinste, schrittweise technologische Verbesserungen fixiert sei, anstatt das langfristige Potenzial zu erfassen. Dieser Fokus, so argumentiert er, führe zu einer Verengung des Blickwinkels und verhindere, dass wirklich transformative Ideen erkannt werden.
Thrive Capital: Konzentration statt Streuung
Im Gegensatz zu den typischen „Spray‑and‑Pray“-Strategien der Silicon‑Valley‑VCs setzt Thrive fast ausschließlich auf wenige, ausgewählte Unternehmen. Bloomberg schätzt, dass rund 90 % des Kapitals in die Top‑15‑Investitionen jedes Fonds fließen. Diese Herangehensweise soll es ermöglichen, Zeit, Geld und Energie gezielt auf die vielversprechendsten Gründer zu konzentrieren.
Ein Gegenmodell zum Outlier‑Paradigma
Marc Andreessen und andere Befürworter des Outlier‑Modells propagieren, dass ein VC‑Haus viele Wetten platzieren muss, um schließlich ein paar riesige Treffer zu landen, die die Verluste ausgleichen. Kushner hingegen sieht das Risiko darin, ständig nach dem nächsten OpenAI zu jagen und dabei potenzielle Mittel für bereits etablierte, aber noch nicht skalierte Unternehmen zu vernachlässigen.
Partnerschaft mit OpenAI – ein beidseitiger Nutzen
Thrive hat nicht nur frühzeitig in OpenAI investiert, sondern erlebt seit Dezember 2025 eine Umkehrung der Rollen: OpenAI erwarb Anteile an Thrive Holdings, dem Spin‑off des Unternehmens. Thrive kauft Unternehmen, lässt sie von OpenAI mit KI‑Lösungen ausstatten und stellt eigene Ingenieure bereit, um Prozesse zu automatisieren. So wurden bereits über 70 Firmen übernommen, und ein Team von 35 Technikern arbeitet an Projekten wie einer Buchhaltungsplattform, die Steuererklärungen um 30 % schneller erstellt, sowie einem IT‑Service, das die Hälfte der Support‑Tickets eigenständig löst.
Erfolgreiche Portfolios und zukünftige Aussichten
Der 2022 gestartete Early‑Stage‑Fonds von Thrive, mit einem Volumen von 516 Millionen Dollar, setzte bereits auf OpenAI, Anduril und SpaceX. Bis Juni dieses Jahres ist das Portfolio auf über 3,7 Milliarden Dollar angewachsen. Weitere Beteiligungen umfassen Wiz, Ramp, Stripe und das KI‑Labor Essential AI, das von Ashish Vaswani, einem der Architekten der „Transformer“-Technologie, gegründet wurde.
Mit rund 60 Milliarden Dollar an verwalteten Vermögenswerten demonstriert Thrive, dass ein fokussierter, aber opportunistischer Ansatz – über Stage, Sektor und Geografie hinweg – durchaus skalierbar ist.
Source: https://techcrunch.com/2026/08/14/thrives-joshua-kushner-chides-silicon-valley-vcs-over-ai-euphoria/