Hintergrund der Übernahme

Die Luftfahrtbranche erlebt einen beispiellosen Wandel, und das neueste Kapitel wird von Archer Aviation geschrieben. Das kalifornische Unternehmen hat sich mit einem Deal von Boeing das ehemalige Konkurrenzunternehmen Wisk Aero gesichert. Im Gegenzug erhält Boeing neu ausgegebene Archer‑Aktien, die rund 19,75 % des Unternehmens vor Abschluss des Geschäfts ausmachen – ein Anteil von etwa 16,5 % nach dem Closing. Neben Wisk Aero gehören auch SkyGrid, ein Anbieter von digitaler Luftraum‑ und Flugverkehrs‑Software, sowie der Drohnenbauer Insitu zum Kauf.

Ein langer Rechtsstreit endet in Zusammenarbeit

Der Weg zu dieser Fusion war alles andere als geradlinig. Im April 2021 klagte Wisk Aero gegen Archer wegen angeblichen Diebstahls von Geschäftsgeheimnissen. Zwei Jahre juristischer Auseinandersetzung endeten schließlich in einem ungewöhnlichen Vergleich: Archer musste Wisk die exklusive Nutzung seiner autonomen Technologie gewähren und stellte der Konkurrenz die Option bereit, über 13 Millionen Aktien zu einem symbolischen Preis von 0,01 $ pro Stück zu erwerben. Der Rechtsstreit legte den Grundstein für die spätere Integration.

Wisk Aero – Von Kittyhawk zu eigenständigem Unternehmen

Wisk Aero entstand aus dem Startup Kittyhawk, das von Sebastian Thrun, Mitbegründer von X (ehemals Google X), ins Leben gerufen wurde. Unterstützt von Google‑Mitgründer Larry Page, entwickelte Kittyhawk mehrere elektrische VTOL‑Projekte, darunter den ein‑sitzigen Flyer und das leise, autonome Flugzeug Heaviside. Das ambitionierteste Projekt war jedoch Cora, ein zweisitziger, selbstfliegender Lufttaxi‑Prototyp. 2019 wurde Cora in ein Joint‑Venture mit Boeing überführt, das schließlich den Namen Wisk annahm und von Boeing bis 2023 vollständig übernommen wurde.

Archer Aviation – Expansion über den zivilen Markt hinaus

Archer, 2018 gegründet, hat seine Vision von rein zivilen Lufttaxis erweitert. Das Unternehmen hat nicht nur das Midnight‑eVTOL‑Modell weiterentwickelt, sondern auch den Verteidigungssektor erschlossen. 2024 folgte eine Finanzierungsrunde von 430 Millionen $, um das Archer Defense‑Programm zu starten, gefolgt von einer zusätzlichen Kapitalerhöhung von 300 Millionen $ im Jahr 2025, unterstützt von Investoren wie BlackRock und Wellington. In Zusammenarbeit mit dem Rüstungsunternehmen Anduril arbeitet Archer an einem Hybrid‑VTOL‑Flugzeug, das sowohl Gas‑ als auch Elektromotoren kombiniert – ein Konzept, das für kritische militärische Anwendungen gedacht ist.

Praktische Fortschritte und regulatorische Unterstützung

Im vergangenen Monat demonstrierte Archer einen bemannten Rundflug zwischen dem Flughafen Salinas und dem Flughafen Monterey. Dieser Test ist Teil des White‑House‑eVTOL‑Integration‑Pilotprogramms, das darauf abzielt, die Infrastruktur für städtische Lufttaxis in den USA zu etablieren. Der erfolgreiche Flug unterstreicht Archers Fähigkeit, sowohl technologische als auch regulatorische Hürden zu meistern.

Ausblick: Was bedeutet die Akquisition für die Branche?

Durch die Übernahme von Wisk Aero, SkyGrid und Insitu stärkt Archer nicht nur seine technologische Basis, sondern erhält auch Zugang zu wertvollen Software‑ und Drohnentechnologien, die für ein integriertes Luftverkehrs‑Ökosystem unerlässlich sind. Die Kombination aus Archers eVTOL‑Know‑how und Wisk Aero's autonomen Systemen könnte die Marktreife von selbstfliegenden Lufttaxis erheblich beschleunigen. Gleichzeitig bleibt Boeing ein bedeutender Anteilseigner, was auf eine langfristige strategische Partnerschaft hindeutet.

Die Fusion markiert das Ende einer einstigen Feindschaft und den Beginn einer neuen Ära, in der Kooperation und technologische Integration die Zukunft des urbanen Luftverkehrs bestimmen werden.

Source: https://techcrunch.com/2026/08/10/archer-buys-former-rival-wisk-aero/