Einleitung
In hitzigen Debatten hoffen viele, mit einer gemäßigten Haltung Brücken zu bauen. Die Realität zeigt jedoch ein überraschendes Phänomen: Menschen mit klaren Überzeugungen ordnen die moderaten Akteure häufig der gegnerischen Lager zu. Dieses „moderate als Außenseiter“-Effekt wurde in einer Reihe von Experimenten von US‑Forscher*innen systematisch untersucht.
Experiment 1 – Abtreibungsregeln
Teilnehmende wurden mit elf möglichen gesetzlichen Regelungen zum Schwangerschaftsabbruch konfrontiert, von einem kompletten Verbot bis zu uneingeschränkter Zulassung. Personen ohne feste Meinung bezeichneten die Mitte (z. B. Abbruch bis zur 8. Woche) als moderat. Im Gegensatz dazu sahen stark positionierte Befürworter*innen oder Gegner*innen diese Mitte überhaupt nicht als moderat, sondern als Teil des gegnerischen Spektrums. Je ausgeprägter die eigene Haltung, desto stärker die Tendenz, die Mitte dem „Anderen“ zuzuordnen.
Experiment 2 – Die fiktive Person Jamie
Ein fiktiver Charakter namens Jamie vertrat in jeder Runde eines der elf Positionen. Das Ergebnis wiederholte das Muster: Pro‑Abtreibungs‑Teilnehmer*innen sah Jamie, wenn er eine gemäßigte Position einnahm, als Befürworter*in des Abbruchs – und umgekehrt.
Experiment 3 – Präsidentschaftswahl 2024
Fünf Tage vor der US‑Präsidentschaftswahl 2024 bewerteten 810 Personen sieben fiktive Akteur*innen, die sich zu Donald Trump und Kamala Harris äußerten. Der einzige wirklich neutrale Akteur wurde von linken Teilnehmenden als konservativ und von rechten als liberal eingestuft. Interessanterweise war dieser Effekt bei den Konservativen statistisch nicht signifikant.
Die Forscher*innen stellten zwei Schlüsselfragen: Handelt es sich um ein moralisches Gut‑vs‑Böse‑Dilemma oder um reine Präferenz? Und wie bedrohend wird das Gegenüber empfunden? Nur wenn die Befragten die gegnerische Partei als Bedrohung wahrnahmen und das Thema moralisch aufgeladen war, verschob sich die Wahrnehmung der moderaten Person ins gegnerische Lager.
Experiment 4 – Gemischte Gefühle zu Trump und Harris
Nur liberale Teilnehmende wurden gebeten, Personen mit gemischten Gefühlen zu Trump bzw. zu Harris zu beurteilen. Wer gemischte Gefühle zu Trump äußerte, wurde sofort als konservativ etikettiert, während gemischte Gefühle zu Harris noch als moderat galten. Das Ergebnis verdeutlicht, dass das Halten einer eigenen Position, selbst wenn sie nur halb unterstützt wird, verzeihlich ist – das Nicht‑Verurteilen des Gegners jedoch nicht.
Experiment 5 – Israel‑Palästina‑Konflikt
Nach dem Hamas‑Angriff am 7. Oktober 2023 wurden zwei Formulierungen getestet: „Beide Parteien haben recht“ versus „Keine der beiden Parteien hat recht“. Der inhaltliche Unterschied war minimal, doch die Wortwahl beeinflusste stark, ob die fiktive Person als neutral oder als Teil einer Seite wahrgenommen wurde.
Fazit
Die Studien zeigen, dass Moderation in stark polarisierten Kontexten selten als Brücke wirkt. Stattdessen wird sie häufig als Zeichen der Zugehörigkeit zur gegnerischen Gruppe interpretiert – besonders wenn das Thema moralisch aufgeladen ist und die Gegenpartei als Bedrohung empfunden wird. Wer also in kontroversen Debatten wirklich als Vermittler*in auftreten will, muss nicht nur die eigene Position, sondern auch die Wahrnehmungsmechanismen der Gegenpartei berücksichtigen.
Source: https://scientias.nl/gematigd-zijn-helpt-niet-beide-kampen-zien-je-gewoon-als-de-vijand/