Ein überraschendes Bild aus dem mittelalterlichen Schweden

Ein neues Forschungsteam der Stockholm University hat die herkömmliche Annahme, dass gemeinsam bestattete Personen einer einzigen Familie angehören, grundlegend in Frage gestellt. Durch die Analyse von DNA‑Spuren aus 142 Individuen, die in drei schwedischen Kirchhofen gefunden wurden, zeigte sich, dass nahe Verwandte selten im selben Grab ruhten. Die Ergebnisse, veröffentlicht in Science Advances, werfen ein neues Licht auf soziale Strukturen der Wikingerzeit.

Die Grundannahme: Eltern und Kinder teilen das Grab

Bislang gingen Archäologen davon aus, dass ein Erwachsener und ein Kind, die im gleichen Sarg liegen, automatisch in einer Eltern‑Kind‑Beziehung stehen. Die DNA‑Auswertung machte jedoch deutlich, dass diese Logik nur selten zutrifft. Stattdessen scheinen andere Faktoren – etwa der gesellschaftliche Rang, die Rolle innerhalb der Gemeinde oder religiöse Vorgaben – die Entscheidung für eine gemeinsame Bestattung stärker beeinflusst zu haben.

Methodik und Fundorte

Die untersuchten Überreste stammen von den Stätten Sigtuna (nahe Stockholm), Västerhus in Jämtland und Fjälkinge in Skåne. Durch das Gegenüberstellen genetischer Profile konnten die Wissenschaftler Verwandtschaftsgrade bestimmen und feststellen, welche Personen tatsächlich verwandt waren. Überraschenderweise erwies sich selbst an Orten mit bekannten Familienbeziehungen, wie Västerhus, nur ein kleiner Teil der Grabpaare als enge Verwandte.

Kindliche Bestattungspraxis

Ein weiterer interessanter Befund betrifft die Behandlung von Kindern. Auf Västerhus wurden junge Mädchen und Jungen genauso platziert wie erwachsene Männer und Frauen – nach Geschlecht und nicht nach Alter. Das bedeutet, dass Kinder nicht als separate Gruppe, sondern nach denselben sozialen und religiösen Kriterien bestattet wurden wie Erwachsene.

Ein konkretes Beispiel: „Lady 56“

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist die junge Frau, die von den Forschern „Lady 56" genannt wird. Ihr DNA‑Profil verknüpfte sie mit Eltern, Bruder und zwei eigenen Töchtern, die jedoch über das gesamte Friedhofsgelände verteilt waren. In ihrem Grab lag zudem eine Jakobsmantel, ein Symbol für die Pilgerreise nach Santiago de Compostela. Diese Funde deuten darauf hin, dass sie bereits in jungen Jahren weite Strecken zurücklegte, bevor sie im hohen Jugendalter verstarb.

Was bedeutet das für die archäologische Forschung?

Die Studie liefert ein starkes Werkzeug, um alte Annahmen zu prüfen. Während altersbezogene Merkmale, Grabbeigaben und Lage Hinweise geben, können sie ohne genetische Daten leicht fehlinterpretiert werden. Mit alten DNA‑Analysen lässt sich nun objektiv ergründen, welche sozialen Netze wirklich bestanden.Die Ergebnisse erweitern unser Verständnis der Wikingerkultur: Familientraditionen waren nicht die einzigen Leitlinien für Bestattungsrituale. Vielmehr spielten Status, Gemeinschaft und möglicherweise sogar Außenbeziehungen eine entscheidende Rolle.

Source: https://scientias.nl/vikinggraven-onthullen-familieleden-lagen-vaak-niet-in-hetzelfde-graf/

Related Articles