Einleitung
Eine internationale Recherchekooperation hat in den letzten zwölf Monaten mehr als 17,5 Millionen Kommentare auf den Social‑Media‑Kanälen europäischer öffentlich-rechtlicher Sender analysiert. Dabei trat ein beunruhigendes Muster zutage: Ein dichtes Netzwerk aus automatisierten Profilen – sogenannte Bots – hat gezielt Diskussionen rund um den Iran auf Instagram und Facebook beeinflusst.
Warum der Iran im Fokus steht
Von allen behandelten Themen löste das Iran‑Thema die höchste Zahl koordinierter, unechter Aktivitäten aus. Allein im Instagram‑Account der Tagesschau wurden 4,2 Millionen Kommentare ausgewertet, davon zeigten sich hunderte fast identische Aussagen, die das iranische Regime unterstützen oder zu Gewalt gegen „Zionisten“ und den Westen aufrufen.
Methodik der Untersuchung
Die Kooperation – bestehend aus dem ARD‑Faktenfinder, Eurovision News Spotlight und weiteren europäischen Medien – kombinierte automatisierte Text‑Mining‑Verfahren mit manueller Plausibilitätsprüfung. Jeder Kommentar wurde hinsichtlich Zeitstempel, Wortwahl und Verknüpfung zu anderen Nutzerprofilen untersucht.
Ergebnisse im Überblick
- Mehr als 361 Kommentare mit exakt gleichem Wortlaut innerhalb von 14 Minuten.
- 190 dieser Beiträge wurden innerhalb einer einzigen Minute veröffentlicht.
- Fast jedes beteiligte Konto war unmittelbar mit allen anderen vernetzt – ein klassisches Bot‑Cluster.
- Identische Formulierungen fanden sich sowohl unter Tagesschau‑ als auch ZDFheute‑Posts.
Wie funktionieren solche Bot‑Netzwerke?
Technisch basiert das Vorgehen auf skriptgesteuerten Accounts, die über APIs oder Browser‑Automatisierung massenhaft vorgefertigte Texte posten. Durch das ständige Wechseln von Profilbildern, kurzen Biografien und geringfügigen Schreibvariationen versuchen die Betreiber, die Erkennung durch Plattform‑Algorithmen zu umgehen.
Motivation der Betreiber
Analyse‑Experten vermuten, dass das iranische Regime sowie dessen Unterstützer die digitale Bühne als Teil ihrer Propagandakampagne nutzen. Der gezielte Einsatz von Hassrede, Aufrufen zu Gewalt und der Verbreitung von Desinformation soll internationale Solidarität schwächen und die öffentliche Meinung im Westen manipulieren.
Folgen für die Nutzer*innen
Für Leser*innen bedeutet das, dass scheinbar authentische Kommentarspalten oftmals ein illusorisches Bild einer breiten Zustimmung vermitteln. Die künstlich erzeugte Lautstärke kann die Wahrnehmung von Mehrheitsmeinungen verzerren und echte Diskussionsbeiträge in den Hintergrund drängen.
Wie kann man sich schützen?
Plattformen sollten strengere Bot‑Erkennungsmechanismen implementieren und verdächtige Muster schneller entfernen. Nutzer*innen sollten Kommentare mit übermäßig wiederholten Sätzen, fehlender Individualität und extrem kurzer Entstehungszeit kritisch hinterfragen.
Ausblick
Die Enthüllungen zeigen, dass digitale Manipulation nicht nur ein Randphänomen ist, sondern systematisch eingesetzt wird, um geopolitische Narrative zu steuern. Weitere Forschungen sind nötig, um die Herkunft der Bots zu identifizieren und langfristige Gegenstrategien zu entwickeln.
Source: https://www.tagesschau.de/investigativ/iran-social-media-bots-100.html