Ein cleveres Abwehrsystem der Bohnenpflanze
Obwohl Pflanzen nicht laufen oder zuschlagen können, besitzen sie erstaunliche Strategien, um hungrige Schädlinge abzuwehren. Aktuelle Forschungen der University of Washington haben aufgezeigt, dass Bohnenpflanzen ein einziges Protein einsetzen, um Raupen zu erkennen und gleichzeitig räuberische Wespen anzulocken. Diese „Rauchsignale“ wirken nicht nur im Labor, sondern wurden in einem realen Feld in Oaxaca nachgewiesen.
Der molekulare Detektor: In11 und der Inceptinrezeptor
Wenn eine Raupe das Blatt frisst, hinterlässt ihr Speichel ein kleines Proteinfragment namens In11. Sobald die Pflanze dieses Fragment in den beschädigten Zellen entdeckt, bindet es an einen hochspezialisierten Rezeptor, den Inceptinrezeptor (INR). Der INR ist extrem empfindlich – bereits minimale Konzentrationen reichen aus, um eine Immunreaktion auszulösen, die normalerweise gegen Pathogene gerichtet ist.
Duftstoffe als Alarmzeichen
Die Aktivierung des INR führt zur Freisetzung flüchtiger organischer Verbindungen, insbesondere der Homoterpene DMNT und TMTT sowie Methylsalicylat, ein Verwandter von Aspirin. Diese Duftmischung dient als lautloses Schild: Sie zieht räuberische Wespen an, die daraufhin die raupenbefallenen Blätter attackieren. Pflanzen, bei denen der INR nicht funktioniert, geben nur die üblichen Schadensgerüche ab und locken kaum Helfer an.
Genetische Experimente mit lokalen Bohnensorten
Um die Rolle des INR eindeutig zu belegen, suchten die Wissenschaftler nach Bohnensorten, die von Natur aus das In11‑Fragment nicht erkennen. In einem honduranischen Landrassen‑Kultivar fehlten 103 DNA‑Basen im INR‑Gen, wodurch die Rezeptorfunktion erlosch. Durch Kreuzungen mit empfindlichen Sorten entstand ein Paar von fast identischen Pflanzen, die sich lediglich im INR‑Gen unterschieden – ideal für kontrollierte Feldtests.
Feldversuch in Oaxaca: Realität trifft Labor
Im Sommer 2023 und 2024 wurden auf einer 900 m² großen Feldfläche in Oaxaca lebende Legionärsmotten (Spodoptera frugiperda) auf die Bohnenblätter gesetzt. Die Raupen wurden vorher mit frischem Speichel oder reinem In11 behandelt. Anschließend beobachteten die Forscher, wie viele Raupen von wilden Wespen angegriffen wurden. Auf Pflanzen mit funktionellem INR wurden etwa 40 % mehr Raupen von Wespen dezimiert als auf Pflanzen ohne dieses Protein – ein deutlicher Beweis für die ökologische Wirksamkeit des Mechanismus.