Ein Trend aus der Cyberpunk‑Welt
Die Idee des kleinen, handgefertigten Computers – des Cyberdecks – stammt aus William Gibsons Roman Neuromancer und hat in den letzten Jahren dank günstiger Einplatinen‑Computer wie dem Raspberry Pi ein neues Leben gefunden. Während Anfangs‑Enthusiasten vorwiegend technisch versierte Männer waren, hat sich das Bild rasch gewandelt: In sozialen Netzwerken sprießen immer mehr kreative Frauen auf, die das Konzept mit einer farbenfrohen, fast schon femininen Ästhetik neu interpretieren.
Von Seeungeheuern zu Taschen
Eine der prominentesten Gestalterinnen, die unter dem Pseudonym CC auftritt, präsentiert ihr „Seashell‑Cyberdeck“ – ein pink-schimmernder Muschel‑Korpus, der gleichzeitig als Tamagotchi, E‑Reader und lokaler KI‑Assistent fungiert. Ohne formale Ausbildung in Informatik hat sie das Gerät mithilfe eines Raspberry Pi 3A+ und einer eigens entwickelten Firmware gebaut. Ihre Schritt‑für‑Schritt‑Anleitung auf dem Blog Bimbo Tech richtet sich explizit an Anfängerinnen, die noch nicht wissen, was RAM bedeutet.
Die Community als Katalysator
Instagram, TikTok und spezialisierte Foren beflügeln die Verbreitung dieser genialen Bastelprojekte. Dort gibt es Cyberdecks aus Holz und Moos, die Game‑Boy‑Color‑Titel ausführen, fossil‑förmige MP3‑Player, Barbie‑Dollhouses mit vollwertigen Mini‑Computern und sogar Enten‑Figuren, die Sprachnotizen aufnehmen. Jede Kreation kombiniert Funktionalität mit einem ausgefallenen Design, das bewusst von den typischen Schwarz‑oder‑Silber‑Tönen der großen Hersteller abweicht.
Politik der Ästhetik
Die Wahl knalliger Farben und verspielter Formen ist mehr als bloße Selbstdarstellung; sie ist ein Statement gegen die monolithische, oft als männerdominiert empfundene Technologie‑Industrie. Wie CC bemerkt, tragen Pro‑Modelle von Apple oder Samsung selten rosa oder pastellfarbene Varianten. Durch das Selber‑bauen von Geräten, die nicht über Cloud‑Dienste oder proprietäre Ökosysteme laufen, schaffen diese Frauen autonome, datenschutzfreundliche Werkzeuge. Sarahbelle Kim, eine weitere prominente Stimme auf TikTok, erklärt: „Ich will keine Meta‑Brille, ich will ein kleines, verziertes Muschelschälchen, in dem mich niemand ausspionieren kann.“
Wiederverwertung und Kunst
Der Ansatz geht über bloßes Basteln hinaus. Maro Vardanyan, Blockchain‑Entwicklerin und Liebhaberin alter Computerteile, verbindet das Cyberdeck mit Textil‑ und Schmuckkunst. Ihre Kreationen verschmelzen Fiber‑Art mit Elektronik und zeigen, dass Technologie nicht nur funktional, sondern auch tragbar und ästhetisch sein kann. Sie nutzt recycelte Bauteile, gibt ihnen neues Leben und macht sie zu mobilen Kunstobjekten, die gleichzeitig als leistungsfähige Rechner dienen.
Warum das wichtig ist
In einer Zeit, in der Nutzer*innen zunehmend das Gefühl haben, von Großkonzernen in einer Black‑Box gefangen zu sein, bieten Cyberdecks eine greifbare Möglichkeit, die Kontrolle zurückzugewinnen. Statt teure, geschlossene Geräte zu kaufen, können Interessierte günstige Komponenten aus Second‑Hand‑Läden oder eBay kombinieren, ein individuelles Betriebssystem installieren und die eigene Datenhoheit wahren. Dieser DIY‑Spirit fördert nicht nur technisches Verständnis, sondern stärkt das Selbstvertrauen und das Gemeinschaftsgefühl.
Source: https://techcrunch.com/2026/06/02/cyberdeck-tiktok-trend-reject-big-tech/