Ein umstrittenes Vorhaben
Auf dem Europäischen Gipfel zu Künstlicher Intelligenz und Kinderschutz in Kopenhagen präsentierte die EU‑Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erneut ihr Vorhaben, soziale Netzwerke für Minderjährige zeitweise zu sperren. Dabei soll die bislang geplante EU‑Alterskontroll‑App zum Einsatz kommen. Die Rede war ein klares Signal an das eigens von ihr einberufene Expert*innen‑Gremium, das bis zum Sommer Empfehlungen erarbeiten soll.
Der politische Druck
Bereits im Vorfeld setzten mehrere Staats‑ und Regierungschefs, allen voran der französische Präsident Emmanuel Macron, die Kommissionschefin unter Druck. In ihrer Ansprache verwendete von der Leyen Formulierungen wie „ich bin überzeugt“ und „wir müssen“ – ein Hinweis darauf, dass ihre persönliche Überzeugung die Arbeit der Fachgruppe stark beeinflussen könnte. Gleichzeitig sprach sie von einem „zeitlichen Aufschub“, ein Wort, das in der englischen Fassung der Rede als „delay“ erscheint und damit den Kern des geplanten Verbots verharmlost.
Ein Euphemismus aus Down Under
Diese sprachliche Beschönigung ist kein Neuland. Sie stammt aus der Kommunikationsstrategie der australischen Regierung, die im Dezember 2025 ein ähnliches Verbot einführte und es als „Aufschub, wann man Accounts haben darf“ bezeichnete. Von der Leyen übernahm das Narrativ vollständig und verglich Australien als „Pionier“. Hinter der australischen Kampagne stand jedoch der Medienkonzern News Corp, ein Teil des konservativen Murdoch‑Imperiums, das ebenfalls auf emotionale Botschaften statt faktenbasierter Argumente setzte.
Reaktionen aus Fachwelt und Jugend
Während Politiker*innen das Verbot pushen, warnen Fachleute aus Jugendschutz, Medienpädagogik, Datenschutz und IT‑Sicherheit eindringlich vor den Risiken. Sie betonen, dass Alterskontrollen leicht zu Umgehungen führen und die Gefahr einer Stigmatisierung junger Nutzer*innen erhöhen. Gleichzeitig mobilisieren Jugendverbände europaweit gegen das Vorhaben – rund dreißig Organisationen haben bereits öffentlich protestiert und fordern, dass Kinder ihre digitale Selbstbestimmung behalten.
Fazit: Emotion statt Evidenz?
Von der Leyens Rhetorik nutzt gezielt sentimentale Schlagworte wie „Geben wir den Kindern die Kindheit zurück“ – ein direkter Verweis auf die australische Parole „Let them be kids“. Diese Formulierung dient dazu, das Thema emotional zu rahmen, während konkrete Fakten und mögliche Alternativen kaum diskutiert werden. Die Analyse zeigt, dass die Kommissionspräsidentin nicht nur politischen Druck ausübt, sondern auch bewusst narrative Elemente aus anderen Ländern übernimmt, um ihr Vorhaben zu legitimieren.