Neues EU-Gesetz für Bahnreisen
Die Europäische Kommission hat ein ambitioniertes Regelwerk vorgestellt, das die Buchungsprozesse für Zugverbindungen über Ländergrenzen hinweg grundlegend vereinfachen soll. Kernpunkt ist das Prinzip „ein Ticket, eine Buchung“: Betreiber von Schienenverkehrsdiensten müssen ihre Fahrkarten künftig auch über die Websites von Konkurrenzunternehmen anbieten. So können Reisende sämtliche Teilstrecken einer internationalen Tour in einem einzigen Schritt vergleichen und erwerben.
Wie das System funktionieren soll
Alle Bahnunternehmen, die mindestens die Hälfte des nationalen Marktes kontrollieren, sind verpflichtet, auf ihren eigenen Portalen sämtliche Angebote anderer Betreiber*innen im Land anzuzeigen und die zugehörigen Tickets zu verkaufen, sofern Kunden dies wünschen. Online-Plattformen erhalten damit uneingeschränkten Zugriff auf das gesamte Angebotsspektrum, was die Fragmentierung des europäischen Schienennetzes reduzieren soll.
Widerstand aus der Branche
Der Vorschlag stößt jedoch auf heftigen Widerstand seitens der Eisenbahnverbände und vieler staatlicher Betreiber. Die Community of European Railways (CER) bezeichnet die Vorgabe als beispiellosen Legislativ-Eingriff und wirft den Behörden vor, Unternehmen dazu zwingen zu wollen, die Produkte ihrer Konkurrenz zu vertreiben – ein Vergleich, der an die Vorstellung erinnert, eine Fluglinie müsste die Tickets einer Billigfluggesellschaft verkaufen. Kritiker befürchten zudem, dass die Pflicht zur Datenweitergabe US-amerikanischen Buchungsplattformen einen ungerechtfertigten Vorteil verschafft und nationale Investitionen in eigene Reservierungssysteme entwertet.
Auswirkungen für Reisende
Für Passagiere bedeutet die Reform vor allem mehr Transparenz und potenziell niedrigere Preise. Aktuelle Studien zeigen, dass das Buchen einer Zugreise im Schnitt rund 70 % länger dauert als das Reservieren eines Fluges – ein Grund, warum 2025 fast zwei Drittel der Befragten schon einmal von einer Zugfahrt abgesehen haben. Durch die Bündelung aller Angebote auf einer einzigen Oberfläche könnte die Buchungsdauer deutlich sinken und das Bahnfahren als Alternative zu Kurzstreckenflügen attraktiver werden.
Erweiterte Passagierrechte
Parallel zur Ticket‑Offenlegung plant die EU, die Rechte von Fahrgästen zu stärken, die wegen Verspätungen oder verpasster Anschlüsse umschulen müssen. Betreiber, die die Ursache für die Störung tragen, sollen Reisende kostenfrei umleiten, erstatten und – bei Bedarf – Unterkunft sowie Verpflegung bereitstellen.
Die Initiative muss noch von den Mitgliedstaaten und dem Europäischen Parlament gebilligt werden. Wenn sie verabschiedet wird, könnte sie den Schienenverkehr zu einem echten, kohlenstoffarmen Gegenstück zu Kurzstreckenflügen machen.