Ein ungewöhnlicher Alpha unter den Papageien

Im Willowbank Wildlife Reserve in Neuseeland lebt ein kea, der die gängigen Annahmen über Vogelhierarchien in Frage stellt. Bruce, ein Männchen, das bei seiner Geburt den größten Teil der Oberknochen verlor, hat trotz dieser offensichtlichen Beeinträchtigung sämtliche Rivalen übertroffen und die unbestrittene Führung seiner Gruppe übernommen.

Die neuen Kampfregeln von Bruce

Typische keas setzen ihre kräftige Oberknochen beim Zähnefletschen ein, um die Nackenregion ihrer Gegner zu attackieren. Bruce hingegen kann diese Taktik nicht anwenden. Stattdessen entwickelte er eine Art mittelalterliches Lanzenstechen: Er streckt sein freiliegendes Unterknochen nach vorne, nutzt sein ganzes Körpergewicht und stößt mit hoher Geschwindigkeit zu. Dieses Verhalten wurde von den Forschern als „Jousting“ bezeichnet – eine Technik, die bisher bei keinem anderen kea beobachtet wurde.

Die Resultate sind beeindruckend. In 227 dokumentierten Auseinandersetzungen gewann Bruce in 36 Kämpfen, ohne je eine Niederlage zu erleiden. Während andere Männchen ihre Oberknochen lediglich 0,15‑mal pro Gefecht einsetzen, nutzt Bruce sein Unterknochen fast sechsmal häufiger. Die Wirksamkeit seiner Stöße liegt bei 73 %, während klassische Schnabelschläge nur 48 % erreichen. Zusätzlich variieren seine Angriffe: Neben dem Nacken zielt er auf Rücken, Kopf, Flügel und Beine, was Gegnerschutz nahezu unmöglich macht.

Weniger Stress trotz Führungsanspruch

Interessanterweise zeigt Bruce die niedrigsten Konzentrationen von Glukokortikoid‑Metaboliten – ein Stressmarker – aller Männchen der Gruppe. Üblicherweise belastet die Stellung an der Spitze Tiere stärker, doch Bruce scheint genau das Gegenteil zu erfahren. Ein möglicher Grund liegt in seiner einzigartigen Pflegebeziehung: Ein untergeordnetes Männchen, Taz, pflegt Bruce regelmäßig, reinigt sein freiliegendes Knochenmaterial und bürstet Kopf und Nacken. Dieser umgekehrte Pflege‑Mechanismus ist bei keas bislang unbekannt und könnte das Stressniveau des Alphas signifikant reduzieren.

Zusätzlich hat Bruce bevorzugten Zugang zu Futterstellen: An 83 % der beobachteten Tage war er der Erste, der die Futternäpfe nutzte, und er wurde selten während des Fressens herausgefordert. An vier Tagen besetzte er alle vier Futternäpfe gleichzeitig für mindestens fünfzehn Minuten – ein klares Zeichen für seine dominante Stellung.

Ein seltener Fall in der Verhaltensforschung

Nur wenige Beispiele für behinderte Tiere, die ohne soziale Unterstützung eine Spitzenposition erreichen, sind bekannt. Der schimpanse Faben und ein japanischer Makake kamen nur dank Allianzen an die Spitze. Bruce hingegen ist ein Alleingang: Ohne Bündnisse, ohne Partner, nur mit seiner innovativen Kampftechnik und der ungewöhnlichen Pflegebeziehung, hat er die Hierarchie neu definiert.

Die Erkenntnisse werfen zugleich Fragen zum Tierwohl auf. Wenn ein Individuum seine Einschränkung eigenständig kompensieren kann, könnte eine künstliche Unterstützung – beispielsweise ein Prothesen‑Schnabel – das natürliche Verhalten beeinträchtigen.

Source: https://scientias.nl/de-kea-die-zijn-handicap-omdraaide-hoe-bruce-de-sterkste-papegaai-van-zijn-groep-werd/